Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1857-08-31 · Heft 36 (31.8.1857) · p. Seite 485

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
21 (1857)
Issue
Heft 36 (31.8.1857)
Date
1857-08-31
Page
Seite 485 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3226039-3226076--16336-3245186
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

485 die letzte Pflicht erweisen und ihn auf die Begräbnißstätte tragen zu können. — Kaum war der Kopf vom Rumpfe getrennt, als das Volk sich darauf stürzte und die ekelhaftesten Gräuel daran verübte. Der Leichnam wurde schrecklich durch Dolchstiche verstümmelt und als man dieser abscheulichen Beschäftigung überdrüssig war, sammelte man alle getrennten Fetzen dieses getödteten WesenS, um sich auf der Richtstätte selbst das Vergnügen zu machen, eS zu steinigen. Erst nach einigen Stunden war es den Glaubensgenossen des Märtyrers möglich, die Reste des Gemordeten zu erhalten und sie unter einem Hagel von Steinen, welcher sie begleitete, drei und eine halbe Meile weit nach dem israelitischen Friedhof von Tunis zu tragen. — Aber an den Thoren der Stadt, in den Vorstädten, auf dem Kirchhofe selbst war eine große Menge Muselmänner, welche mit einer heißen Begierde die Ankunft des Leichengefolges erwarteten, in der Absicht, die Reste des Gemordeten durch die Straßen der Stadt zu ziehen. Nur durch die List gelang es, der Verschwörung zu entgehen, zum großen Aerger von mehreren Tausend wilden Thieren in Menschengestalt, welche sich ohne Zweifel bei dieser Jagd betheiligen wollten." Die Wahrhaftigkeit dieses Berichtes wird durch andere Berichte in französischen nichtisraelitischen Blättern vollkommen bestätigt. Wir haben schon mitgetheilt, daß der Bey die Wittwe des Märtyrers mit einer bedeutenden Geldsumme zu entschädigen suchte. Aber bald sollten neue Vorgänge insbesondere lehren, daß es sich hier nicht etwa blos um den muselmännischen Fanatismus gegen die Juden, sondern gegen alle Nicht-Muhamedaner handelt. Die Zeitungen berichten: Tunis, 13. August. lieber Marseille werden folgende Nachrichten aus Tunis den 13. August gemeldet: Ein Derwisch bezeichnete einen Juden als Gotteslästerer, worauf das Volk sogleich auf ihn losstürzte. Es gelang, den Unglücklichen ihren Händen zu entreißen und er flüchtete in die Börse. Die Menge folgte ihm dahin, zertrümmerte Alles und zog dann vor die Büreaus der Messagieren unter dem Rufe: „Tod den Juden! Tod den Franken!" Der französische Consul begab sich eiligst zum Bey und reclamirte Truppen zum Schutze der Europäer. Die Stadt ist in größter Aufregung. — Nach einer weiteren Depesche find mehrere Personen erschlagen und auch das englische Consulat beschimpft worden. Erst spät habe man militärische Maßregeln dagegen ergriffen. Aus Tunis, den 12. August wird der „Oarette du Midi“ über die Judenverfolgung folgendes Nähere geschrieben: Ein Jude befand sich im Laden eines Mauren und handelte um einen Gegenstand, dessen Preis ihm zu hoch schien. Da er auf die Maare schmähte, so antwortete ihm der Maure nach der Gewohnheit der Muselmänner mit: Hund und Sohn eines Hundes! Der Jude war so unklug, (so behaupten wenigstens die Tunesen,) mit: Verflucht sei Dein Gesetz! zu erwidern. Mehr bedurfte es nicht, um auf das Geschrei des Muselmannes den Pöbel herbeizulocken. Der Jude wurde sofort niedergemetzelt. Aber Augenzeugen dieser Grausamkeit fielen ihrerseits über die Mauren her und es entspann sich eine blutige Schlägerei, in welcher drei Menschen umkamen. Ein Jude, welcher sich in den Laden eines maurischen Barbiers flüchtete, wurde von diesem mit dem Rasirmesser in der Hand empfangen und ihm der Hals abgeschnitten. Die Fensterscheiben des englischen Consulats wurden eingeworfen. Beim ersten Lärm eilte der französische Viceconsul, Herr Rousseau, sogleich herbei und versuchte unter Mithülfe der Truppen des Bey die Kampfenden zu trennen. Man schloß die Thore der Stadt und die Garnison ist unter Waffen. Der französische Consul, Herr Roches, und sein englischer College begaben sich nach der Marsa, der Residenz des Beys. Die Abfahrt des Packetbootes nach Marseille wurde um einen Tag hinausgeschoben, um die offlciellen Depeschen mitzunehmen. — Es ist dies Alles von so ernster Art, daß wir nunmehr auch ein energisches Einschreiten des Sultans als Oberherrn und der europäischen Mächte erwarten müssen. London, 29. Juli. Die gegenwärtige Lage der Juden frage in England. Von einem Engländer. Heute wurde Baron Lionel v. Rothschild in der City ohne Opposition ins Parlament wiedergewählt, nachdem er seinem bei der früheren Wahl gegebenen Versprechen gemäß sofort nach Verwerfung der Eidesbill seinen Sitz den Wählern zur Verfügung gestellt hatte. Mit dieser Wiederwahl dürfen wir vorerst das Par- 36*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.