Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 21 (1857)
- Issue
- Heft 34 (17.8.1857)
- Date
- 1857-08-17
- Page
- Seite 459 (sequence 3)
- Language
- German
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45» Wagener an der Spitze, gegen die von der Verfassung verbürgte Gewissensfreiheit und die diese betreffenden Artikel ins Feld ziehen sollte. Es sollte constatirt werden, daß unter den Juden selbst eine bedeutende und gewichtige Zahl die bürgerliche Gleichstellung verabscheue, und die mittelalterlichen Ausnahmegesetze herbeiwünsche. Die Versuche schlugen fehl, wie aus dem Stillschweigen der Betreffenden zu schließen. Jetzt soll die Sache von einer anderen Seite angefaßt werden. Eine Aufforderung unter Pen Annoncen dieser Zeitung in No. 31. ruft die „acht orthodoren Rabbiner in Preußen" auf: „eine genaue Ueberstcht von den in ihren Gemeinden wider den Willen der Altgläubigen und gegen die Vorschriften des Ritus eingeführten Reformen" nach Berlin zu senden. Nach unsrer Kenntniß der Zustände in den preußischen Gemeinden ist dies wieder „Geschrei und wenig Wolle." Es giebt in Preußen außer noch einigen im Großherzogthum Posen und vielleicht in Schlesien keine Gemeinden mehr, welche solche Rabbinen haben, an die diese Aufforderung gerichtet ist; und die Gemeinden, welche solche Rabbinen haben^ haben noch niemals Reformen eingeführt. Die Auslese der nach Berlin gesandten, der obigen Aufforderung entsprechenden Berichte kann daher nur eine sehr geringe sein. —^ Die gedachte Aufforderung erwähnt auch, daß in Berlin eine „Versammlung der orthodoren Rabbiner" veranstaltet werden soll. Wie man uns kennt, ist uns eine jede Bethätigung des Lebens auf jüdisch religiösem Gebiete höchst willkommen und wird von uns mit Anerkennung ausgenommen. Hätte demnach die beabsichtigte Versammlung, selbst in ihrer Parteiabsonderung, den löblichen Zweck, auf irgend eine Weise das religiöse Leben in orthodoxer Richtung zu erhalten, zu fördern und zu kräftigen, so würden wir dies, der bisherigen Unthätigkeit „der orthodoren Rabbiner" gegenüber, ganz vortrefflich finden. Sobald aber eine solche Versammlung nichts Anderes soll, als Zwietracht in den Schoß der Gemeinden werfen, oder, wo sie vorhanden, fie zu nähren und entstammen, auf die Regierung wirken, um die Gemeinden zu Rückschritten zu zwingen, überhaupt der angemessenen Entwickelung von Gemeinde, Synagoge und Schule entgegentreten, so können wir nicht anders als unsren Abscheu davor auszusprechen und jeden Einzelnen, der einer solchen Versammlung sich anzuschließen das Gelüste hätte, von religiösem und sittlichem Standpunkte aus ernstlich zu warnen. Ueberblicken wir die Gemeinden des preußischen Vaterlandes und ihre Zustände, so sehen wir, daß, mit Ausnahme Berlins, überall ein wahrhafter Friede herrscht. Selbst in den Gemeinden, in welchen vor Jahren Zwiespalt und Gehässigkeit herrschten, hat man es verstanden, selbst da, wo man die Parteiunterschiede auszugleichen nicht vermochte, die Verhältnisse so zu ordnen, daß selbst die Extreme ruhig neben einander bestehen und ein Jeder die ihm zukommende Würde und den ihm anpaffenden Spielraum hat. Warum also wieder eine Fackel entzünden und in das friedliche Heiligthum schleudern? Entweder eine solche Versammlung wäre ganz wirkungslos, und dann hätten die ehwürdigen Herren sich lächerlich gemacht; oder sie beschlösse wirklich Schritte, welche eine neue Spaltung hervvrriefen, welche für.die „acht Orthodoren" eine ganz gesonderte Ausnahmsstellung abgrenzten — und dann würde die Folge eine zwiefache sein: 1) würde sich die außerordentliche numerische Schwäche ihrer Partei in Preußen Herausstellen; 2) würde sie den Eifer und Enthusiasmus aller ihr nicht Zugehörigen, welcher verschiedener Ansichten diese sonst auch seien, entzünden, um den ungemäßigten und anmaßenden Schritten der Gegner aufs Kräftigste entgegenzutreten. Wem auf die Länge der Sieg sein würde, kann nicht zweifelhaft sein. Die betreffenden Rabbinen würden in ihren eigenen Gemeinden so viel Mißbilligung, so vielen Widerspruch finden, daß ihre Stellung unhaltbar würde, während sie jetzt überall, auch von ihren Gegnern, mit Achtung umgeben werden. In allgemeiner, wie in persönlicher Beziehung würden sie daher ihrer eigenen Sache den größten Schaden zufügen. Es ist klar, daß man hiermit versucht, den Streit, den man in Berlin angefacht, und der nur unter den besonderen Umständen daselbst möglich war, über ganz Preußen auszudehnen — man wird finden, daß hierzu wenig Zündstoff vorhanden — aber es ist Pflicht, rechtzeitig Dem entgegenzutreten, und zu zeigen, daß man nicht geneigt ist, was man für Berlin ruhig anfieht, auch in den übrigen Gemeinden Preußens gewähren zu lassen. Vam Institute zur Förderung der israelitischen Fiteratur. Rechnungsabschluß vom zweiten Jahre. (I. Mai 1856 bis 1. Mai 1857.) I. Einnahmen. Reine Einnahme nach Abzug der Provistonen, Freiexemplare und Agioverluste . . 5909 Thlr. — Sgr. 8 Pf. 34*