Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 21 (1857)
- Issue
- Heft 32 (3.8.1857)
- Date
- 1857-08-03
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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437 eine statt, wo daS „Abendgebet" und die „Frühlingsandacht" von Kreuzer, daS „Schwertlied" von Weberund „der Wald" von Mendelssohn Bartholdy vorkamen. In den Zwischenräumen sangen einzelne auswärtige Vereine passende und gewählte Slücke. In der gleichen Weise wie hinein, zog Alles unter Schießen und Musik ans der Synagoge durch die wichtigsten Gaffen, und dann in das Festlocal zum Mahle. Das letztere war besonders interessant durch die Produktionen der einzelnen Vereine, die schönen Reden und Declamaiionen Einzelner während der Pausen. Nach dem Mahle wurde die Fahne in die Wohnung des Vereinsdirectors in Begleitung aller anwesenden Gesangsvereine, die hierbei Gesänge producirten, getragen und bei Rückkunft der Ball eröffnet. So schloß dieses so denkwürdige Fest, das Menschen der verschiedensten politischen und religiösen Richtung brüderlich vereinte, und das Band unter diesen nur um so fester knüpfte. Krakau, Anfangs Juli. (Privatmitth.) Neulich hat sich in unserer Stadt folgendes Curiosum zugetragen. Ein Jude aus Tarnow nahm bei seiner Reise hierher seinen kleinen Sohn, ein sehr schönes Kind, mit sich, welchen der mannigfach beschäftigte Vater der Obhut eines Bedienten überließ. Eine Christenfrau,' der die Schönheit des Kindes auffiel — was sie durch öfteres Kosen und Herzen bethätigte — erklärte es für ein Christenkind, und ließ daffelbe, trotz allen Sträubens des Kindes und seines Führers, zu der betreffenden Behörde führen. Inzwischen kam in Folge des Aufsehens, welches dieser Vorfall erregte, der Vater herbeigeeilt und requirirte sein Kind. Welche Beweggründe vermochten aber die Frau — nach dem Czas eine gemeine Oebstlerin, den meist verbreiteten Gerüchten zufolge aber eine vornehme Dame — ein Judenkind für ein Christenkind zu erklären? Sie behauptete: das Kind sei zu schön, um ein Juvenkind zu sein! Daß der Vater mit dem bloßen Schrecken davon gekommen, läßt sich denken. Vor beiläufig einem Monate starb hier Herr I. S. Goldwasser, der sich durch Talent und Charakter die Liebe und Achtung Aller, mit denen er in näherer Berührung stand, erwarb, in der Blüthe seiner Jugend. Die Trauer um seinen Verlust war eine allgemeine. Er war auch ein eifriger Förderer der Jnfiitutsangelegenheit am hiesigen Orte, und dürfte sich nicht so leicht Jemand finden, der ihn hierin ersetzen wird. — Daß die Furcht vor dem 13. Juni in Galizien viele Gemüther beunruhigte, gehört in das Gebiet der Culturgeschichte unserer Zeit, daß aber unter den vielen Furchtsamen und Zaghaften ein großer Theil unserer Glaubensgenossen war, daß selbst viele Angehörige der hiesigen Gemeinde mit Beklemmung und Zittern dem Herannahen dieses gefürchteten Tages entgegensahen, die ganze Nacht vom 12. auf den 13. in banger Erwartung dessen, was da kommen wird, Lichter brennen ließen und den größten Theil des TageS auf freiem Felde zubrachten, kann uns nur mit Wchmuth erfüllen, und hätte ich gewiß diesen mißlichen Gegenstand unerwähnt gelassen, wäre er nicht abermals ein Fingerzeig über das, was uns hier zu Lande noth thut: Verbreitung ächter Religiosität in Verbindung mit vernunftmäßiger Aufklärung, was aber nur durch zeitgemäß gebildete Rabbiner, gut eingerichtete und gewissenhaft geleitete Schulen geschehen kann. Hätten unsere Rabbiner ihre Zeit, anstatt blos vergilbten, mystischen Folianten, auch den Büchern der heiligen Schrift zugewendet, hätten sie dafür gesorgt, daß auch die Jugend im Sinne und Geiste dieser klaren und reinen Quellen unterrichtet werde, so würde wahrlich der Aberglaube in die Gemüther der Masse unserer Glaubensbrüder nicht so leicht Eingang gefunden haben. Solche Momente sind die untrüglichsten Maßstäbe deS Culturzuftandes eines Volkes. Schon vor beinahe dritthalbtausend Jahren predigte Jeremias (X. 2.) ayiart "i ria wiZN MN?.""'? wrin-^» ayawn rirNni (*nu>n» „Also spricht der Ewige: an den Wegen der Völker gewöhnet euch nicht, und vor den Zeichen des Himmels zaget nicht, ob auch die Völker vor ihnen zagen." Wie man von Reisenden aus Tarnow vernimmt, ist dort den Winkellehrern (vulgo Melamdim) von Seiten des Bürgermeisteramtes die Mahnung zugekommen: ihre Chebarim — als vorschriftswidrige UitterrichtSanstalten — freiwillig aufzulösen, wenn sie es nicht darauf ankommen lassen wollen, daß sie behördlicherseits geschlossen werden. Nun, wie gefällt Ihnen das? Sonst war man gewohnt, den passiven Wtder- *) Man s. das 4. Cap. des Abschn. im Zkkarim, wie sich Alb» über Dieses und Aehnliches ausspricht. — 32