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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1857-08-03 · Heft 32 (3.8.1857) · page 6

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
21 (1857)
Issue
Heft 32 (3.8.1857)
Date
1857-08-03
Page
– (sequence 6)
Language
German
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434 denheit der Regierung, und doch konnten sie weder deutsch lesen noch schreiben! — Sie hielten sich aber einen zuverlässigen Schreiber, dem legten sie ihre hebräisch geschriebene Arbeit vor, und dieser übersetzte sie wort- und sinngetreu ins Deutsche. Dies kann also nicht die Ursache der regierungsseitlichen Ansprüche an die Rabbiner sein. — Deswegen aber soll der Rabbiner Bildung besitzen, und zwar universitätsmäßige Bildung, damit er alle Capacitäten seiner Gemeinde an Wissen und Verstandesreife überrage; damit er mit klarem Blicke einsehe, was seiner Gemeinde noth thut; damit er den Reichen und Glücklichen ein Ermahner, den Armen und Unglücklichen ein Tröster, der Gemeinde ein Leiter und der Jugend ein Lehrer und liebevoller Vater sei; das begreifen aber gewisse Charaktere nicht, oder wollen es nicht begreifen. Von dieser Sorte befindet sich, nach der Versicherung meines sehr zuverlässigen Gewährsmannes, gegenwärtig in Galizien glücklicherweise nur ein Eremplar. — So sind die Zustände der galizischen Judenschaft beschaffen. Soll diesen Uebelständen je abgebolfen werden, so kann dies nur durch Herbeiziehung deutscher Rabbiner — nicht germanisirter Galizianer — geschehen. Diese Ansicht theilen alle Unbefangenen im Lande, und haben bereits Czernowitz in der Bukkowina, und Lemberg diese Ansicht factisch bcthätigt*). Am erstern Orte reifen bereits — wie alle Berichte von dort übereinstimmend bezeugen — in Schule und Gotteshaus die Früchte dieser heilsamen Neuerung. Lemberg ward es nicht so leicht. Zwei Mal stand diese Gemeinde mit auswärtigen Männern in Unterhandlung, Jahre vergingen inzwischen, und am Ende zeigten sich die Unterhandlungen fruchtlos. Die hochherzige Gemeinde, die wohl erwogen haben mochte, von welcher Wichtigkeit das Gelingen ihres Vorhabens für das Gedeihen der ganzen Judenschaft Galiziens ist, ermüdete daher nicht, machte neue Anstrengungen und versuchte den Weg der Concursausschreibung. Sie stellte ein opfervolles Anbot; nun ist es «hr gelungen, einen Mann zur Bekleidung des Postens *) Es wird, wie eS den Anschein hat, auch die große Gemeinde zu Krakau nicht mehr lange anstehen, in diesem Bunde der Dritte zu sein. Wadowitzer Kreis besitzt in der Person des Herrn vr. Kranz seit einigen Monaten einen Rabbiner. — eines Predigers und Religionsweisers zu gewinnen, der zu den geachtetsten in Deutschland gehört, und zu den günstigsten Hoffnungen berechtigt. — Daß oben der Besetzung der Predigerstelle zu Lemberg durch einen Deutschen eine solche Wichtigkeit beigelegt wird, dürfte manchem auswärtigen Lefer übertrieben fcheinen; es ist aber nichts weniger als das; es ist dies vielmehr ein Ereigniß von unberechenbarer Tragweite für ganz Galizien. Es hat nämlich die Ansicht, daß deutsche Rabbiner in Galizien nie prosperiren können, nie prospcriren werden, immer mehr Boden und Consistenz gewonnen, und scheint dieser Umstand nicht nur in der jüdischen Masse, sondern selbst in den Kreisen derjenigen, die, begabt mit Intelligenz und Glücksgütern, eine klarere Einsicht in die Sachlage haben, Wurzel gefaßt und eine derartige Entmuthigung und Lähmung der Thatkraft erzeugt zu haben, daß auch da jede Hoffnung des Besserwerdens geschwunden ist. Selbst im Auslände scheint diese Ansicht vorherrschend zu sein, da sich Männer von dort so schwer entschließen, um vacant gewordene Rabbinatsstellen in Galizien — wenn solche in öffentlichen Blättern ausgeschrieben werden — sich zu bewerben. Daß die Rabbiner, die durch ihr obscures Wesen und ihre mittelalterliche Wirthschaft diesen Zustand der Verwahrlosung und des Verfalls mit herbeigesührt haben, und — durch Ueberhandnahme des deutschen Elementes, der Bildung und Aufklärung, ihre Eristenz bedroht sehen, ihr Möglichstes dazu beitragen, diese Meinung im Volke zu erhalten und zu festigen, ja selbst bei der Regierung geltend zu machen, ist sehr natürlich, und giebt hiervon wieder das vielbesprochene Gutachten Zeugniß, in welchem ausdrücklich gesagt wird: „Nicht darum, weil die gesetzlich qualificirten Rabbiner nicht genug orthodor, sondern weil sie zu sehr Hetero vor sind, und weil ihrer scheinbar {!?) geistigen Aussaat nur Dornen und Disteln (!!) entkeimen, werden diese vom alten Judenthume (!!) Galiziens gehaßt, und als Zerstörer (!!) der Religionen gehalten." Es wird nun Jedermann einsehen, von welcher Wichtigkeit die Besetzung des Postens eines israelitischen Geistlichen in Lemberg durch einen Deutschen für ganz Galizien ist. DaS gedeihliche und heilsame Wirken dieses religiösen Vertreters der ersten Gemeinde Galiziens soll feststellen: daß die herrschende Ansicht gegen deutsche Rabbiner nichts als Vorurtheil, nichts

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