Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 21 (1857)
- Issue
- Heft 32 (3.8.1857)
- Date
- 1857-08-03
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3226039-3226072--16280-3245126- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
433 Predigten, in der Schule durch Unterricht für Verbreitung des religiösen Sinnes, für Erhöhung des sittlichen Gefühls unter der Masse, für Förderung alles Edlen und Guten im ganzen Umfange ihres Wirkungskreises, mit einem Worte: für Veredlung und Vervollkommnung der Angehörigen ihrer Gemeinde unermüdet zu wirken; sollte dies in Galizien nicht der Fall sein? und warum? —" Diese naive Frage, die manchem nichtgalizischcn Leser, der dieses mit Aufmerksamkeit liest, auf den Lippen schweben dürfte, würde jeden in den hierländischen Verhältnissen Eingeweihten zum Lachen stimmen, wäre sie nicht geeignet, die ernst-bittersten Gefühle zu wecken. Es giebt in Galizien mehrere Sorten von Rabbinern. Die einen, die den höchsten Grad von Heiligkeit besitzen — und zum Glück nur die Minderzahl bilden — leben in Regionen, wo ihnen alles Weltliche entrückt ist, stehen mit Geistern und Geistigem lSpirituosa) in immerwährender Berührung. Von diesen ist es wohl nicht zu verlangen, daß sie sich mit so kleinlichen Dingen, wie Schule und Unterricht, abgeben, und zwar um so weniger, als sie von den Erzengeln, Engeln, Serafim, Ofanim und Chajoth noch niemals Ordre erhalten haben, darauf zu sehen, daß den Kleinen, die die Chedarim besuchen, gründliche Kenntniß der Sprache und Religion ihrer Väter beigebracht werde. Die diesen zunächststehende Kategorie von Rabbinern umfaßt alle diejenigen, die seit ihrem dreizehnten Lebensjahre das Beth-hamidrasch nicht verlassen haben. Ihnen ist dies gottgeweihte Zimmer ihre Welt, wie den Infusorien der Tropfen, in welchem sie leben. Was außerhalb ihrer Lebenssphäre, was in der großen, weiten Welt vorgeht, ist ihnen fremd. Der Inhalt der gewöhnlich schlecht geschriebenen und noch schlechter gedruckten, bestaubten und zerfetzten Bücher, der ihnen geistige Nahrung zuführt, enthält die Summa der höchsten menschlichen Weisheit; alles Wissenschaftliche und Wiffenswerthe, was außer diesem der menschliche Geist seit Jahrtausenden erdacht, erforscht, ersonnen, erzeugt und erfunden hat, ist in ihren Augen Unding, Profanes, Ungöttliches oder gar Sündhaftes. Diese können beim besten Willen nichts Besseres für das Heil der jüngern Generation thun, als dafür sorgen, daß ihr recht zeitlich die Pforten der Bete-Midraschim aufgethan werden, auf daß auch sie einst zu der hohen Stufe der Erkenntniß gelangen, auf welcher die erleuchteten Lehrer und Meister stehen. Diese bilden die Mehrzahl. Endlich giebt es eine der oben erwähnten ganz entgegengesetzte Classe von Rabbinern. Diese haben den Bete-Midraschim längst Valet gesagt, stehen mit der Welt in engstem Verkehre, kennen das Leben und seine Ansprüche, haben es schon dahin gebracht, daß sie deutsche Bücher lesen und sogar deutsch schreiben können. Sie gehörten in der Regel früher dem Kaufmannsstande an, kehrten demselben aber in Folge unglücklicher Conjuncturen den Rücken zu, und wurden durch Machinationen aller Art — Rabbiner. Diese verfallen in das andere Ertrem. Sie hangen dem Weltlichen gar zu sehr an, und ignoriren ihren Beruf als religiöses Oberhaupt ganz und gar. Mit der diesen Menschen eigenthümlichen Arroganz halten sie sich für hochgebildet, und weil sic — aus Mangel an andern Organen — von den betreffenden Behörden oft zur Beantwortung von die Juden oder das Judenthum betreffenden Fragen aufgefordert werden, halten sie sich für eine büreaukratische Instanz, für eine Art von judices judaeorum, mischen sich in Recrutirungs- und andere Angelegenheiten, die sie als Rabbiner eigentlich gar nichts angehen, und zwar — wie böse Zungen wissen wollen — nicht in der reinsten Absicht. Als schlagender Beweis, wie sehr diese Menschen ihren Berus verkennen, möge folgende Aeußerung aus jenem berüchtigten, in dieser Zeitung erwähnten Gutachten angeführt werden. „Unwiderlegbar ist es aber, daß die Rabbiner, da sie in stetem Verkehr mit der hohen Regierung stehen, und oft über Dinge Aufklärung zu geben haben, die in ein außerhalb ihrer Sphäre liegendes Gebiet einschlagen, und mit weltlichen Dingen in einander greifen, auch literarisch gebildet sein müssen." Alsodeswegen verlangt die Regierung, daß der Rabbiner gebildet sei, damit er ihr gewisse an ihn gerichtete Fragen zu beantworten im Stande sei? Nein, das kann die Absicht der hohen Regierung nicht sein. Die seligen Marcus Benedict, weiland Landesrabbiner von Mähren, und Moses Sofer, einstiger Rabbiner zu Preßburg, deren Andenken noch heute von Jedermann gesegnet wird, hatten der Regierung in Einem Jahre über mehrere und wichtigere Anfragen Aufklärung zu geben, als ein galizischer Rabbiner vielleicht in seinem ganzen Leben, und entledigten sich dieser Pflicht zur größten Zufrie-