Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 21 (1857)
- Issue
- Heft 32 (3.8.1857)
- Date
- 1857-08-03
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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432 genscitigen Ergänzung verlangen? Warum will die Regierung ferner nicht bedenken, sie werde durch ihr Verbot aus Lumpensammlern, die doch wahrlich keine Krösuse sind, Lumpen machen? Warum endlich läßt sie das Gesetz vom 29. Juni 1851, welches alle Ausnahmen zwischen Christen und Juden in Ansehung des bürgerlichen Rechts, also auch der Gewerbsausübung, aufhebt, so ganz unbeachtet? Fast erwecken solche Betrachtungen Zweifel gegen jene Humanität, die von einem so hohen Gerichtshof erwartet wird. Oesterreichifcher Kaiferstaat. Volt der westgalizischen Grenze. V. Brief. Mitte Juni. Voriges Jahr um diese Zeit bildete ein Bericht „aus Mähren" den Ausgangspunkt der Briefe „von der westgalizischen Grenze", und heuer ist es wieder ein Artikel „aus Mähren" in No. 23. d. Bl., der mich zwingt, dieselben, nach langer durch das Jnzwischentreten einer unberufenen dritten Person verursachten Unterbrechung, wieder fortzusetzen. Der zweite Theil jenes Artikels enthält nämlich einen harten Angriff auf den gegenwärtigen Prediger der israelitischen Gemeinde in Lemberg; dieser Angriff ist eS, der mit aller Energie zurückgewiesen werden muß. Ist eS schon an und für sich unbillig, auf Grund bloßer Gerüchte, die man in einem bei Aufnahme von Mittheilungcn nicht sehr wählerischen Blatte liest, ohne von der Lauterkeit der Quelle überzeugt zu sein, eine Persönlichkeit verdäwligend in die Oeffentlichkeit zu ziehen, die sich in der sehr kurzen Zeit ihres Fungirens der allgemeinen Achtung erfreut*), so ist dies im vorliegenden Falle durchaus unzulässig und verwerflich. Hätte der Verfasser jenes Artikels eine genaue Kenntniß von den Zuständen der galizischen Judenschafk, so würde er sicherlich diesen heiklen Gegenstand entweder gar nicht oder sehr schonend berührt haben. Der bereits sprüchwörtlich gewordene traurige Zustand der israelitischen Bevölkerung Galiziens im Allgemeinen ist in diesen und andern öffentlichen Blättmt schon viel und oft besprochen worden. Die Ju- *) Was doch dem Berichterstatter aus Mähren aus den Berichten aus Lemberg in No. 17. und aus Galizien in No. 18. der Aüg. Ztg. d. Judth. bekannt sein sollte! — Corresp. gend entbehrt jeglichen zeitgemäßen Unterrichtes; daS gemeindliche Leben kann nur ein Vegetiren genannt werden; das Rabbinatswesen steht unter Null; und die Folgen dieser Calamitäten, die da sind: Mißtrauen und Ungunst von Oben, Verachtung und Verhöhnung Seitens der Mehrzahl der christlichen Mitbürger, und Mitleiden von Seiten der Bessern unter Juden und Christen, stellen sich von Tag zu Tag desto greller heraus, je mehr die gesetzlichen Beschränkungen und die Vorurtheile früherer Zeiten schwinden, und den Horizont des staatlichen, bürgerlichen und gesellschaftlichen Lebens klarer und heiterer erscheinen lassen. Es ist daher sehr natürlich, daß daS Bedürfniß, diesem Uebel abgeholfen zu sehen, immer tiefer gefühlt wird und breitem Boden gewinnt. Ein sehr großer Theil der Eltern ist bereits zur Einsicht gelangt, daß die geistige Kost, die ihren Kindern in den Chcdarim auf herkömmliche Weise geboten wird, nicht nur nicht nahr¬ und schmackhaft genug sei, das Gedeihen derselben zu sichern, sondern auch nachhaltig schädlich auf ihre ganze Zukunft einwirke; in die christlichen Schulen wollen und können sie — bei der konfessionellen Färbung, die in denselben immer schärfer hervortritt — sich nicht entschließen ihre Kinder zu schicken, und würden daher mit größter Freudigkeit und Opferwilligkeit der Gründung von hebräisch-deutschen Schulen entgegenkommen; die Männer aber, deren Händen die Leitung der administrativen und religiösen Angelegenheiten der Gemeinden anvertraut ist, scheinen der Sache des Fortschrittes am wenigsten hold zu sein. Vorhandene Beispiele beweisen, daß selbst in großen Gemeinden, die von deutschen V erst ehern verwaltet werden, nicht das Geringste zu Gunsten des Fortschrittes, ja, nicht einmal für Gründung von Schulen gethan wird, und das ist doch das erste, wichtigste und unentbehrlichste Institut, das in keiner Gemeinde fehlen sollte, fehlen darf. — „Wenn sich bei uns die Gemeinde-Repräsentanten in solchen hochwichtigen Angelegenheiten lau und lässig zeigen, so sind es gewöhnlich die Rabbiner oder Prediger, welche durch Wort und That Interesse für dieselben zu erregen suchen und alle Hebel, die ihnen zu Gebote stehen, in Bewegung setzen, um der guten Sache die Herrschaft zu erringen. Ist das doch der einzige Beruf der geistlichen Vertreter der Gemeinden Israels: Lehrer und Erzieher des Volkes zu. sein; im Leben durch eigenes Beispiel, in der Synagoge durch