Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 21 (1857)
- Issue
- Heft 32 (3.8.1857)
- Date
- 1857-08-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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430 dabei, die blind und taub war, sich aber dabei doch ernstlich mühte, dem Gang unserer Controversen zu folgen. „Ich stamme aus einer alten, bürgerlich geachteten jüdischen Familie aus Königsberg. Mein Vater bestand darauf, daß, nachdem er selbst zum Christenthum übergetreten war, seine Kinder eben dasselbe thun sollten. Ich war schon ein völlig herangewachsenes Mädchen, als ich die Taufe empfing." Wie war Ihnen dabei zu Muthe? fragte ich. Sie sah mich an, lächelte und sagte: ,,Jch fühlte, daß das Wasser nicht, wie es hätte sein sollen, gewärmt worden war, und darum machten mir die kalten Tropfen im Gesicht eine widrige Empfindung. Weiter weiß ich von meiner Taufe nichts zu sagen." Allein die christlichen Glaubenssätze, Hub ich von Neuem an, die Ihnen doch hoffentlich Ihr Confirmator gründlich erklärt, wie nahmen Sie die aus? „Ich kannte sie schon ihrem Wortinhalt nach; was ihre innere Bedeutung betrifft und das aus ihnen, wie gerühmt wird, für die Menschheit ausgehende Heil, so hatte ich mir bereits darüber meine eigenen Gedanken gebildet, bei denen es auch blieb. Die Dreieinigkeit war für mich das Zusammenstimmen der Kunst, der Poesie und des Gedankens." Aber die göttliche Natur Christi? „An die glaub' ich nicht." Die Jungfrau Maria? „Ist mir völlig gleichgültig." Werden Sie zum Abendmahl gehen? „Nein, wenn ich nicht muß. Wenn man mich jedoch dazu auffordert und ich nicht ausweichen kann, so werde ich dieses Erinnerungsmahl betrachten wie ich jedes andere betrachte, als eine Zusammenkunft von befreundeten Menschen, die irgend ein bedeutendes und interessantes Ereigniß, selbst oder von Andern erlebt, im Gedächtniß feiern. Jeder denkt sich dabei, was ihm gerade am Nächsten ist. Ich habe mir schon vorgenommen, daran mit großem Dank gegen das Geschick zu denken, daß ich in der Geburtsstadt Kants das Licht der Welt erblickt habe, und daß mein Vater eine auserlesene kleine Bibliothek besaß, die ich benutzte, und daß ich frühzeitig den Goethe'schen Faust las, und so an vieles Andere, das mich gebildet und meinen Geist mit Licht und Freiheit erfüllt hat." Das ist aber alles nicht Das, worauf es hier ankommt. „Mag sein. So seh ich's aber an. Ich laß mir durchaus Nichts aufzwingen, und so lange ich meine Augen habe, so will ich sehen." Liebes Kind, sagte hier die alte orthodore Dame, man fängt erst zu sehen an, wenn man nichts mehr sieht. Fräulein Lewald lächelte und antwortete nichts. Das Gespräch war zu Ende..." Die „Augsburgerin" fügt hier hinzu: „Das wäre Alles ganz plausibel, wenn es nur nicht Herr v. Sternberg erzählte, der an einer andern Stelle dieser Erinnerungen von sich selbst sagt: „Ich bekenne offen, daß ich zu keinem positiven Glauben noch hindurchgedrungen bin, daß ich große Achtung, ja ich darf sagen Scheu vor den mystischen Gnadenmitteln habe, daß ich Alles mit dieser Scheu betrachte, was in dem geheimnißvollen Element des Glaubens lebt, daß mir aber selbst noch keine Offenbarung geworden ist, und daß ich warten muß, bis diese mir wird." „Doch diese Dinge führen hier zu weit; ich muß nur ihrer Erwähnung thun, weil man in einer großen Menge von Beurtheilungen meiner Bücher mir stets Frivolität vorwirft und religiöse Richtungölosigkeit. Offen, wie in Allem, bin ich auch hier, und bekenne gern, daß ich nichts Höheres kenne, als den Glauben haben, aber nichts Schwierigeres, als ihn zugleich bekommen..." — Die „Allg. Zeit." fährt fort: „Ein Mann, der dies von sich aussagt, eignet sich schlecht zum Katecheten." Gerade dieser letztere Umstand ist uns von großer Wichtigkeit. So urtheilt ein Mann, der selbst des positiven Glaubens baar ist, über den Abfall vom Judenthume, und urtheilt mit Recht so; er verachtet die Uebergetretenen, und hat das volle Recht dazu; er sieht den Uebertritt ohne Ueberzeugung»— und diese will er bei den Uebertretenden selten finden — als einen niedrigen Schacher an, um irgend eines Profitchen willen, und wirst den Stein darauf, mit vollkommener Aufrichtigkeit. Denn ein Anderes ist es, in einer positiven Religion geboren und erzogen zu sein, und des rechten Glaubens in ihr entweder gar nicht theilhaftig, oder verlustig zu werden — ein Anderes, zu einer positiven Religion überzutreten, ohne die mindeste Ueberzeugung von den Lehr- und Glaubenssätzen derselben zu haben. Bei jeder eidlichen Versicherung, die man im bürgerlichen Leben giebt, ist eine sogenannte reservatio mentalis, oder ein geheimer Vorbehalt, die Sache anders auszusagen oder zu verstehen, wie die Richter oder Diejenigen, denen die Versicherung gegeben wird, diese aber in der Annahme zu lassen, als ob man jene in ihrem Sinne verstehe und aussage, gleichbedeutend mit einem Meineide. Und da, wo es um das Vekenntniß Gottes und der Wahrheit selbst sich handelt, wo eine freie Aeußerung der innersten Ueberzeugung in dem und bei dem, was allen Menschen das Heiligste ist, an das Licht treten soll, hier will man sich gestatten, eine feierliche Aussage bei Gott — also einen Eidschwur — zu leisten, ohne die Wahrheit der Ueber-