Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 21 (1857)
- Issue
- Heft 31 (27.7.1857)
- Date
- 1857-07-27
- Page
- Seite 416 (sequence 2)
- Language
- German
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416 seinen Tod die unmittelbare Erlösung von der Sünde für die, welche an ihn glauben, bewirkt habe, Mit der Läuguung der Rechtfertigung im Glauben ist die ganze Glaubenslehre, die gänze Klaubrnsanschauüng des Christenthums abgeläugnet. Man spricht zwar von einem Urchristenthum, welches diese Dogmen noch nicht gehabt haben soll, aber wo ist dies zu finden? wo hat dies bestanden? Malü kann zwar, wie wir es in unsren Vorlesungen versucht, Nachweisen, wo und wie das Christenthum aus dem Judenthume mündete, aber sobald es als letzteres erscheint, steht es auf der oben gezeichneten Bafis. — Es bedarf ebenso keines großen Scharfsinns, um zu erkennen, daß der Unitarismus mit jenen Lehren kein Judenthum sei. Denn dieses giebt nicht zu, und kann nicht zugeben, daß der von den Propheten verkündete Messias gekommen sei; denn, werden jene Weissagungen wörtlich genommen, so fehlen der Erscheinung Jesu alle diejenigen Zeichen und Ergebnisse, welche die Propheten dem Messias zusprechen: Zion ist durch ihn nicht verherrlicht, Israel nicht wieder hergestellt wdtdett, sondern kurz nach ihm trat gerade die Zerstörung und Zerstreuung ein; oder versteht man im Weissagungen spirituälistisch als Verkündigung einer messianischen Zeit, wo das Lamm neben dem Wolfe lagert, und die Völker ihre Schwerter zu Sicheln, ihre Lanzen zu Winzermessern schmieden (Jesaias), wo Friede, Gerechtigkeit und Erkentttniß auf der ganzen Erde wohnen, und die ganze Menschheit den Einzig- Einigen Gott bekennt, so lehrt die Geschichte das gerade Gegentheil, denn mit dem Verfall des römischen Reiches wurde der Kampf der Völker und Staaten ein größerer, blutigerer und ununterbrochenerer, als er früher jemals gewesen. Vergebens sagt man, daß das Erstere, der traurige Fall JudaS, die Folge feines Unglaubens an den gekommenen Messias gewesen sei; denn die Weissagungen der Propheten fetzen einen solchen Unglauben nicht voraus, und lassen noch weniger einen Untergang der Nation zu. Ja, das Judenthum giebt nicht einmal zu, daß der prophetische Geist, der mit Maleachi erloschen, noch einmal über einen Sterblichen gekommen, und daß dem Worte Moschehs und der Propheten noch ein „neues" hinzugefügt werden könne; es räumt Beides weder dem Christenthume, noch dem Islam, noch der großen neuen Religionserhebung in China, noch irgend einer kleinen Secte ein; wie seine Lehre eine einfache, bestimmte, abgeschlossene ist, will es nach dem Worte Moschehs weder etwas hinzugefügt noch davon genommen wissen. — Es bedarf eben so wenig des Scharfsinns, um einzusehen, daß der Unitarismus auch kein Deismus ist; denn allerdings nimmt er die positive Religion, die Offenbarung zu seiner Grundlage ay und entlehnt seine Lehre aus dem Mustde Moschehs und der Propheten, Jesu und seiner Jünger; er verwirft eine bloße Vernunftreligion, die ohne die Geschichte aus sich selbst ziehen will, was doch nur das Resultat der Geschichte ist, und von der Philosophie allein im Stich gelassen wird. Fragt man aber nun: was ist der Unitarismus, wenn er weder Christenthum, noch Judenthum, noch Deismus ist? so kann die Antwort nicht schwer fallen. Er ist ein Versuch, wie er im Laufe der Jahrhunderte schon oft gemacht worden, das Christenthum seiner Mysterien zu entkleiden, weil und so weit diese mit der Vernunft nicht in Übereinstimmung zu bringen sind, und mit möglichster Schonung des geschichtlich Gegebenen aus dem Christenthume eine Vernunftreligion zu machen. Zu diesem Zwecke wird die religiöse Idee zu ihrer Reinheit und Einfachheit, wie sie im Judenthume besteht, zurückgeführt; dann aber wieder auf christlichen Boden verpflanzt, um hier eine christlich-geschichtliche Umhüllung zu bekommen. Dies geschehen, behauptet sich der Unitarismus als Christenthum, coquettirt mit dem Judenthum und schmeichelt dem Deismus, trotzdem es in seinem Wesen keines von allen Dreien ist. Nichts aber ist erklärlicher, als daß der Unitarismus gerade in einer Zeit wie die unsrige wieder erstehen, Terrain gewinnen und Fortgang nehmen mußte. Da er eben eine scheinbare Abfindung sowohl mit allem Gegebenen, als auch mit der Vernunft ist, konnte es nicht ausbleiben, daß er ein Fund für Viele ward, die auf dem Boden ihrer Religion sich nicht mehr ganz zurechtfanden. Was nun das Urtheil des Judenthums von seinem Standpunkte über den Unitarismus ist, so faßt es sich leicht dahin, daß jenes zu diesem sagt: was Du in Wesenheit lehrest, brauche ich nicht, da ich es längst schon habe, da Du erst ein abgeleiteter Arm aus einem Strome bist, der seine Quellen aus mir abgeleitet hat; was Du Weiteres beibehalten, widerstreitet den Aussprüchen der Propheten und meiner ganzen Geschichte. Würde das Judenthum den Unitarismus, nicht wie er in der Mehrzahl seiner Anhänger, sondern wie er in dem Bekenntniß seiner Lehrer lebt, als eine ganz aufrichtige und im redlichsten, reinsten und entschiedensten Streben entwickelte und gestaltete Erscheinung ansehen können — aber es kann dies bis jetzt nicht — so müßte es ihn allerdings als einen Triumph seiner eigenen Sache mehr betrach-