Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 21 (1857)
- Issue
- Heft 29 (13.7.1857)
- Date
- 1857-07-13
- Page
- Seite 393 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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893 liven Raisonnements vermieden und es find eine große Zahl aus der Bibel, aus den profanen Schriftstellern des -Alterthums und aus den arabischen Poeten geschöpfte Sentenzen darin eingeschaltet. Das Ganze ist auf eine so originelle Weise behandelt, daß es eine nähere Erwähnung verdient. Der Verfasser betrachtet die Tugenden und Laster hauptsächlich vom physischen Standpunkte, indem er sie in Beziehung zu den fünf Sinnen und zu den Temperamenten bringt. Aus jedem Sinne entspringen vier Eigenschaften, von denen zwei den Gegensatz zu den andern zwei bilden, was zusammen zwanzig Haupteigenschaften giebt, von denen ändere untergeordnete Eigenschaften abhängen. Der edelste Sinn ist der des Gesichts; die Augen sind dem Körper, was die Sonne der Welt ist. Das Gebiet dieses Sinnes übersteigt die Grenzen des Raumes und der Zeit; denn es durchdringt im gleichen Augenblick das Nahe und das Ferne; zu diesem Sinne gehört der Stolz und die Demuth, die Schamhaftigkeit und die Frechheit. Der Sinn des Gehörs nimmt den zweiten Rang ein; obgleich dem Gesichtssinn untergeordnet, ist er doch, wie dieser, durch gewisse Bande in Verbindung mit der Seele und dem moralischen Sein. Diesem Sinn eignet der Verfasser Liebe und Haß, Mitleid und Grausamkeit zu; aber er gesteht, daß, um die Wahrheit seiner Aufstellung zu zeigen, er genöthigt sein würde, sich in tiefere Betrachtungen einzulassen, und daß er sich mit gewissen Andeutungen begnügen müsse, welche der höheren Intelligenz hinreichend sein würden. Die drei andern Sinne gehören einzig dem physischen Wesen zu. Von dem Gerüche hängt, nach dem Verfasser, der Zorn und das Wohlwollen, der Neid und der Eifer ab. Der Geschmack stellt die Freude und den Kummer, die Ruhe (oder die Geistesruhe) und das Bedauern oder die Reue dar. Mit dem Gefühl setzt er die Wohlthätigkeit und den Geiz, den Muth und die Feigheit in Verbindung. Der Verfasser spricht auch von den Zwischeneigenschaften, und zeigt, daß die wesentlich guten Eigen-, schäften durch Uebertreibung böse werden können. Das ganze Verfahren Jbn-Gebirols ist mehr geistreich als logisch; an der Stelle von Principien und einer kräftigen Beweisführung sind es geistreiche Folgerungen, aus biblischen Stellen hergeleitet, oder Beobachtungen, welche auf den figürlichen Aussprüchen der Volkssprache beruhen. Unser Philosoph hat nicht den Zweck gehabt, ein System dt-r Moral aufzustellen und Doctrinen darzulegen, welche das Resultat eines philosophischen Raisonnements sind; es ist nur ein volksthümliches Handbuch der Moral, geschrieben auf Verlangen einiger seiner Freunde; und einige Worte in der Einleitung belehren uns, daß selbst in der Methode, der Jbn-Gebirol in dieser Schrift folgt, er sich nur dem Wunsche seiner Freunde unterzog. Man schreibt auch dem Jbn-Gebirol eine kleine Sammlung moralischer Apophthegmata zu, getheilt in 64 Paragraphen und „Auswahl von Perlen" benannt. Wolf und de Rosst schreiben dieses Werkchen dem Jedaja Pennini von Veziers zu, aber da es ursprünglich arabisch geschrieben war und im 12. Jahrhundert von Jehuda ibn- Tibbon übersetzt ist, so muß man ihm notwendig einen arabischen Verfasser geben. Ehe wir vom Fons vitae sprechen, werden wir ein anderes Werk erwähnen, das wir dem Jbn-Gebirol oder Avicebron zuschreiben zu müssen glauben, obgleich es nicht seinen Namen trägt. Es ist eine Abhandlung über die Seele, bis jetzt vollständig unbekannt, aber deren lateinische Uebersetzung vom Archidiaconus Dominicus Gundissalinus oder Gundisalvi in der kaiserlichen Bibliothek unter den von der Sorbonne herstammenden Manuscripten sich befindet (No. 1793). Herr Jourdain scheint Dieses Werk in der Eile geprüft und es mit der Abhandlung „über die Seele" von Avicenna verwechselt zu haben; denn indem er den Prolog, welchen der lateinische Uebersetzer an die Spitze dieser letzten Abhandlung gesetzt hat, veröffentlicht, bezeichnet er außer dem Manuskripte No. 6443. der alten Sammlung unser Manuskript der Sorbonne. Die Ursache dieses Jrrthums des Herrn Jourdain ist, daß ein Theil des Prologes der „Abhandlung über die Seele", welchen wir meinen, beinahe identisch mit dem Prologe der Abhandlung des Avicenna ist; Gundissalinus, der Uebersetzer beider Abhandlungen, hat beiden dieselben Bemerkungen vorausgeschickt. Eine leichte Prüfung hätte genügt, um Herrn Jourdain zu überzeugen, daß das Manuskript der Sorbonne eine ganz von der des Avicenna verschiedene Abhandlung enthält. An der Spitze unserer Abhandlung liest man folgende Worte: „Liber de anima, a domino Gundissalino ab arabico in latinum translalus, conlinens decem eapilula.“ Aber die Abhandlung besteht nicht aus 10 Capiteln, wie man dort liest, sondern aus 11. Hier folgen dieselben: 1) An sit anima. (Ob eine Seele eristirt.) 2) Quomodo anima moveat corpus. (Wie die Seele den Körper bewegt.) 3) Quid sit anima. (Was die Seele sei.) 4) Definilio anirnae secundum Aristotelem. (Definition der Seele nach Aristoteles.)