Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 21 (1857)
- Issue
- Heft 29 (13.7.1857)
- Date
- 1857-07-13
- Page
- Seite 392 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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392 Meeres. Sollte dein Herz auch ein Felsen sein, eS würde sich bei meinem großen Leid erweichen. Ist es zu wenig, unter einem Volke zu leben, welches nicht die Rechte von der Linken unterscheiden kann? Begraben, eingeschloffen in einer Wüste, muß mein eigenes Haus noch mein Sarg sein! Ohne Vater, ohne Kind, seufze ich in trauriger Einsamkeit; sehnsüchtig nach einem Freunde, verzehre ich mich, ehe ich dieses Begehren stillen kann; man darf sagen, daß der Himmel und seine Schaaren sich zwischen meinen Wunsch und mein Schicksal stellen. Ich bin gleich einem Fremden, der hier nur kurze Zeit weilt, der Weisheit in seinem Herzen bewahrt, inmitten unwissender und dummer Menschen. Dieser tränkt dich mit Natterngift, jener macht dir trügerische Zeichen, streut Zwietracht in dein Herz und sagt dir: „Verzeihung, Herr!" Leute, deren Väter unwürdig gewesen sein würden, die Hunde meiner Heerde zu sein!.... „Was kann ich noch hoffen? 3n was mein Vertrauen setzen? Mein Auge durcheilt die Welt, ohne zu finden, was ich wünsche, das Wort Tod ist meinen Ohren theuer, das Grab scheint in meinen Augen leicht.... Möge der, der die tiefsten Dinge durchspäht, meine Augen durch die Wissenschaft erleuchten! Denn sie allein ist der Antheil, der mir von aller Arbeit und allem Glücke bleibt!" Es liegt außer unserm Zwecke, Jbn-Gebirol als Dichter zu charakterisiren; aber wir müssen hier einen Augenblick bei einer seiner bedeutendsten poetischen Arbeiten verweilen, welche er Ketker Malkhouth (die königliche Krone) nennt, und welche er selbst an die Spitze seiner Hymnen stellt. In dem Gedanken des Dichters ist dies eine Hymne, welche den einigen Gott und die Wunder seiner Schöpfungen feiert. Aber hier schöpfte er nicht allein in dem religiösen Gefühl seine frommen Eingebungen, es sind nicht, wie in gewissen Psalmen, Worte einer plötzlichen Bewunderung, angeregt durch das überwältigende Schauspiel der Natur. Den Schleier, der die Geheimnisse der Natur verhüllt, sucht der Poet durch die Wissenschaft seiner Zeit zu lüften. Die Aufgabe ist zwischen Geist und Herz getheilt, zwischen Intelligenz und Gefühl, zwischen Wissen und Einbildung. Man begegnet abwechselnd in diesem Gedichte dem lyrischen Schwünge der religiösen Eingebung, dem didaktischen Tone der reflectirenden Wissenschaft, den dunkeln Ausströmungen eines zerknirschten Herzens und den frommen Hingebungen einer hoffenden Seele.- Es ist zugleich eine religiöse Hymne, eine fromme Betrachtung und eine poetische Zusammenstellung der peripatetischalerandrinischen Weltanschauung. Die Religion und Philosophie vereinigen sich in einer vollkommenen Harmonie, um das einzige Wesen zu verherrlichen, und was diesem Werke für uns ein besonderes Interesse verleiht, ist der Umstand, daß man in gewissen Details den Verfasser des Fons vitae erkennt. — Wir wissen nicht, ob Jbn-Gebirol einen Commentar zur Bibel geschrieben hat, aber seine Erklärung gewisser Texte, welche andere Schriftsteller citirten, beweisen, daß er die allegorischen Erklärungen liebte. Jbn-Esra citirt ihn in seinem Commentar zur Genesis (28, 12.). Nach Jbn-Gebirol bedeutet die Leiter, welche Jakob im Traume sah, den erhabensten (rationellen) Geist; die Engel, welche auf- und niedersteigen, sind die Gedanken, welche sich bald zu einem geistigen oder höhern Gegenstände, bald zu einem körperlichen oder niederen wenden. — Er vertheidigt die Meinung des Saadia, welcher behauptete, daß die Genesis nicht wirklich der Schlange die Fähigkeit zu sprechen, beilegen wollte, und er entwickelte selbst den allegorischen Sinn der Thatsachen, die in dem 2. und 3. Capitel der Genesis enthalten sind; das Paradies ist die höhere Welt, das Wort Garten bezeichnet die untere Welt, erfüllt von Creaturen, welche dessen Pflanzen find; der Fluß des Paradieses ist die erste Materie, die Mutter aller Körper; die vier Arme des Flusses bezeichnen die vier Elemente; der Mensch, der den Thieren Namen giebt, ist die Wissenschaft, Eva ist der belebende Geist, der die Bewegung giebt u. s. w. In den Worten: Ich habe cs geschaffen, ich habe es gebildet und ich habe es gemacht (Jesaias 43, 7.), sah Jbn-Gebirol das Mysterium des Weltalls, wie Jbn-Esra berichtet, ohne dem beizustimmen. Unter diesem Mysterium verstand Jbn-Gebirol wahrscheinlich die drei Welten, welche im System der Kabbalisten nach der Welt Acila (Emanation) kommen. In seinem Commentar zum Daniel (11, 30.) zählt derselbe Jbn-Esra unfern Jbn-Gebirol unter diejenigen, die die Zeit der Ankunft des Messias berechnet hatten, indem sie sich auf astrologische Theorien stützten. Unter den philosophischen Werken Jbn-Gebirols hat ein einziges unter den Juden eine gewisse Popularität erlangt, es ist eine kleine moralische Abhandlung, betitelt Besserung der Sitten, welche, ursprünglich arabisch geschrieben, von Rabbi Jehuda ibn-Tibbon ins Hebräische übersetzt worden ist und drei Mal gedruckt wurde. Dieses Werk ist in populärer Sprache geschrieben, wodurch es einer großen Anzahl Leser zugänglich wurde; der Verfasser hat darin sichtlich die strengen Formen des specula-