Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 21 (1857)
- Issue
- Heft 29 (13.7.1857)
- Date
- 1857-07-13
- Page
- Seite 391 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3226039-3226069--16235-3245078- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
391 Handel Schranken setzte und mehrere Fürsten, wie Stephan III. und Carttacuzüno ihre Synagogen zerstörten. Unter den phanariotischen Fürsten konnten sie sich neue bauen. — Die freie Uebung des Cultus war in der Walachei allen Religionen gestattet, nur die Türken machten eine Ausnahme und man hat Recht sich zu wundern wie Sulzer, wenn er sagt: „Nur die Türken, und wer kann es lesen, ohne ihre Toleranz und Mäßigung zu bewundern; Herren dieses Landes, sind sie so treu ihrem gegebenen Worte, daß sie lieber ihre Gebete an Gott in der Stille verrichten, als die der Walachei ausschließlich bewilligte Freiheit zu verletzen durch den Bau einer einzigen Moschee." (Kogalnitchan S. 458.) Literarischer Wochenbericht. Magdeburg. Mßlanges de Philosophie juive et arabe par 8. Munk. (Fortsetzung aus No. 22.) Es geht aus dem Vorhergehenden hervor, daß Jbn-Gebirol gegen die Mitte des 11. Jahrhunderts anfing, sich als Schriftsteller bekannt zu machen. Er trieb hauptsächlich Poesie und Philosophie, welche bei ihm innig verbunden sind; es ist derselbe Gedankengang, der sich in zwei verschiedenen Formen kund giebt, und wenn man in seinen Poesien immer einen in tiefe Betrachtungen versenkten, jedem vulgären Dorurtheil unzugänglichen Geist erkennt, so tragen wiederum seine philosophischen Werke das Gepräge der lebhaften Phantasie und der poetischen Eingebungen des Dichters. Man erkennt in ihm den wahren Poeten, selbst in seiner hebräischen Grammatik, welche er in seinem 19. Jahre in Versen bearbeitete, und von der wir noch die ganze Einleitung besitzen. Seine vorzüglich philosophischen Werke waren arabisch geschrieben, aber in seinen Poesien, welche alle einen religiösen Charakter hatten, bediente er sich vorzugsweise der heiligen Sprache. Man kann Jbn-Gebirol vorzugsweise den Wiederhersteller der hebräischen Poesie nennen, er nimmt den ersten Rang unter den jüdischen Poeten des Mittelalters ein, und er war vielleicht einer der größten Dichter seiner Zeit. Wenn er in der äußeren Form der Versification den arabischen Dichtern nachahmte, so hat er sie im poetischen Schwung, in der Erhabenheit der Gedanken und der Gefühle weit übertroffen. Im Allgemeinen — und das ist eine wenig bekannte Thatsache, welche ich schon anderswo Gelegenheit hatte auszusprechen — ist die jüdische Poesie des Mittelalters in vieler Hinsicht der der Araber überlegen, welche der ersteren zum Muster diente. Zu allen Zeiten haben die Araber ihre größte Begeisterung in ihrem Egoismus, in ihrem Nationalstolze und in ihren allgemeinen Leidenschaften gefunden, sie haben im Mittelalter, besonders in Spanien, eine wunderbare Menge Dichter gehabt, aber man findet in ihren Poesien selten den göttlichen Hauch, große und edle Gefühle. Die jüdischen Poeten, genährt mit der Lectüre der Propheten und der heiligen Poeten des Alterthums, fanden in den Erinnerungen der Vergangenheit, in den Leiden der Gegenwart und in den Hoffnungen einer glorreichen Zukunft unerschöpfliche Quellen, die den Arabern mangelten. Die arabischen Poesien sind wesentlich local; um sie genügend zu schätzen, muß man sich in die Zeit und an den Ort ihrer Entstehung versetzen. Die Poesie der Juden hat einen allgemeineren Charakter, ihre Elegien, der Abdruck einer dunkeln Melancholie, ihre Hymnen und ihre Gebete, welche das tiefste religiöse Gefühl und eine rührende Ergebung athmen, ihre Lehren der Moral und Weisheit, gesammelt inmitten der Ruinen und Gräber, werden einen Wiederhall in allen Herzen finden, denn es giebt darin Gedanken und Bewegungen für die Menschen aller Länder und aller Jahrhunderte. Die Eitelkeit der irdischen Dinge ist der herrschende Gedanke, welcher unter tausend Formen in den Poesien der Juden auftritt. Jbn-Gebirol besonders hat immer den Blick gen Himmel gewandt; die Erve bot ihm wenig Reize, das Glück floh ihn ohne Aufhören, ein trauriges Schicksal, scheint es, hatte ihm selbst vie rechtmäßigsten und reinsten Freuden versagt. In einem Gedichte, das er schrieb, als er Saragossa verließ, empört sich seine Würde gegen die ungerechte Einsamkeit, der ihn die Einwohner dieser Stadt überlassen hatten, und er beklagt sich, keinen Freund zu haben, dem er seinen Kummer vertrauen könne. Folgende sind einige Bruchstücke dieses Gedichtes: „Ich betete, bis meine Kehle trocknete, meine Zunge an den Gaumen klebte; mein Herz zittert unter der Unendlichkeit meines Schmerzes und meiner Trauer. Mein Kummer ist zu groß, um dem Schlafe zu erlauben, auf meine Augen sich zu senken. Mit wem soll ich reden? Wem soll ich meinen Kummer mittheilen? O, wenn es einen mitleidigen Mann gäbe, der mich tröstete, der meine Hand ergriffe, ich würde mein Herz vor ihm ausgießcn, und ich könnte einen Theil meines Schmerzes aussprechen, und vielleicht würde ich meine Bewegung ein wenig beruhigen, wenn ich von ihr spräche. O du, mein Heil, nahe dich; höre, wie es rauscht, gleich den Wogen des