Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 21 (1857)
- Issue
- Heft 28 (6.7.1857)
- Date
- 1857-07-06
- Page
- Seite 383 (sequence 11)
- Language
- German
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383 gelehrten und Novellisten Warren, welcher nach theologischer Deduktion, unter dem Gelächter der ministeriellen Bänke, prophezeite, daß Britannia ihren Scep- 1er verlieren werde, wenn sie vom christlichen Glauben durch die Annahme der Bill abfalle. Nicht zu irdischen Zwecken, sondern zur Verherrlichung Gottes habe die Vorsehung England groß gemacht. Vergesse es diese Bedingung seines Glücks auf Erden, so werde die Stimme vom Himmel ertönen: Schabod, die Herrlichkeit ist dahin!" und „mono, mene" werde man an der Tempelwand lesen. (Lachen.) Sir I. Pa kington dagegen gestand unter großer Bewegung des Hauses über seine unerwarteten Aeußerungen offen ein: er habe sich mit der Frage lange Zeit aufmerksam beschäftigt, und setze einen Stolz darein, offen zu erklären, daß er andern Sinnes geworden sei, und nicht mehr für die Ausschließung der Juden stimmen könne. Er bedauere indessen die Weglassung der Worte „beim wahren Glauben eines Christen." Er hätte es viel lieber gesehen, wenn eine Bill zur Emancipation der Juden in derselben Weise wie früher zur Emancipation der Katholiken eingebracht worden wäre; da er die Maßregel jedoch an sich billige, wolle er sie auch in ihrer gegenwärtigen Form unterstützen. Lord Palmerston sprach über Sir I. Pakingtons männliche Erklärung seine aufrichtige Freude aus; höchst ehrenwerth sei es, eine Veränderung seiner Meinung durch Ueberlegung und Erfahrung mit Kühnheit und ohne Rücksicht auf Anspielungen und Anfeindungen derjenigen auszusprechen, die im Jrrthum beharren. Das Amendement von Sir I. Thesiger wurde darauf mit 341 gegen 201 Stimmen verworfen. (Laute Cheers bei der Ankündigung des Resultats.) Herr Walpole fragt: ob denn die Bill gar keine Modifikation erleiden solle? Wie sie jetzt stehe, könnte ein Jude am Ende Lordkanzler oder Premierminister werden! Lord Palmerston fand an der Bill Nichts zu ändern. Lord Cecile schlug die Vertagung der Comitee vor, fiel aber mit 142 gegen 278 Stimmen, und die Bill wurde im Ausschuß erledigt. So ist denn die Emancipationsbill abermals durch das Unterhaus gegangen. Diesmal aber mit einer Majorität von 140 Stimmen, das Dreifache der früheren Majoritäten; dabei mit Unterstützung eines der Führer der konservativen Partei, und unter energischer Einwirkung einer Regierung, welche im Augenblicke fast allmächtig in England ist. Um so gespannter ist man auf das Schicksal der Bill im Oberhause, und allerdings verkünden die bedeutendsten englischen Blätter, daß der Sieg der guten Sache unwiderstehlich sei. Die Entscheidung wird in kurzer Zeit erfolgen. Der Abfall des Sir Pakington von der konservativen Partei in dieser Frage macht eine außerordentliche Sensation und gilt für ein gutes Omen in Bezug auf die Haltung der analogen Partei im Oberhause. Italien. Turin, im Mai. Wie der Educ. israel. meldet, haben die Deputirtenkammer und der Senat Sardiniens daS neue Gesetz über die Verwaltung des israelitischen Cultus fast mit Einstimmigkeit votirt. Wir werden mit Nächstem die wesentlichen Punkte desselben geben. Rom, im Mai. Der Educ. isr. enthält folgenden Artikel: Die israelitische Gemeinde Roms, die ehemals sehr zahlreich war, zählt heute nur noch 4,000 Seelen, von denen die Mehrzahl von der öffentlichen Wohlthätigkeit lebt. Ungeachtet dieses ist diese Gemeinde noch eine der reichsten an Werken der Wohlthätigkeit. Es sind unter ihnen kaum 140 Individuen, die zu der besonderen Tare der Industrie und des Capitals zu zahlen haben. Unter den Ursachen der Verminderung der Erwerbsquellen unsrer Brüder sind erstens die Concgrrenz der fremden Häuser, die sich kürzlich in Rom etablirt, und zweitens die Anwendung der Maschinen in den Manufacturen zu rechnen. Die Krämer und die Fabrikarbeiter haben bedeutend darunter gelitten. Der Kleinhandel, der ehedem ganz in ihren Händen war, ist ihnen entschlüpft und die Arbeiter, die sehr zahlreich waren, sind ohne Arbeit. Nichts ist so traurig als der elende Anblick des Ghetto. Wenn wenigstens die ehemals von Martin V. bewilligten Rechte von Neuem bewilligt würden, oder wenn sie sich unbehindert der Ausübung des Handwerks zuwenden könnten, würde sich bald Alles ändern; die Reichen würden nicht mehr nach anderen Städten ziehen, und die Armen würden arbeiten können; aber bei dem jetzigen Zustande der Dinge können sie nur mit Geduld leiden. Ihr Schicksal ist in den Händen ihres Sou« verains; er kennt ihr Elend. Möchte er ihre Hoffnungen verwirklichen. 28**