Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 21 (1857)
- Issue
- Heft 27 (29.6.1857)
- Date
- 1857-06-29
- Page
- Seite 367 (sequence 9)
- Language
- German
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367 liche Bekenntniß eines einsichtsvollen, erfahrenen, klugen Mannes, der eine Zeit am Ministertische saß, solchen Verleumdungen gegenüber unS die größte Genugtuung verschaffen, und es verdienen mit Recht seine Worte in der Allg. Zeit. d. Jud. angeführt zu werden. Unter dem Titel „Geld und Gut in Neuösterreich" erschien in der Wallishauser'schcn Buchhandlung in Wien 1857 vom ehemaligen Minister Ernst v. Schwarzer ein statistisches Werk, worin er jedes Detail mit Scharfsinn und Sachkenntniß bespricht. Bei der Schilderung der ökonomischen Charaktere der österreichischen Völker spricht sich der geehrte Herr Verfasser Seile 22. über unsere Glaubensgenossen folgendermaßen aus: „Ein eigenthümliches Ferment in der großen Völkerfamilie Oesterreichs bilden die Juden, deren glücklicher Speculationsgeist an dem Nationalvermögen einen so bedeutenden Antheil hat. Man kann zugeben, daß Oesterreich ohne Juden manche Calamität der Neuzeit erspart hätte*), aber mit allem Nachdruck muß es gesagt werden, daß viele Fortschritte und Unternehmungen ohne Juden niemals zu Stande gekommen wären. Der Jude ist sparsam, und verschmäht den kleinsten Profit nicht, aber wo es gilt, Ausgaben für die Zukunft, für seine eigene oder für die Ausbildung seiner Kinder, für die Interessen seiner Glaubensgenoffenschaft zu machen, da greift er mit vollen Händen tief in den Srkel. Mit wunderbarem Scharfsinn erfaßt er die Schwäche und Stärke eines Projektes, seine rasche Jdeencombination läßt ihn die geschäftliche Seite jedes guten oder schlechten Gedankens leicht erkennen, sein Selbstvertrauen treibt ihn zu Unternehmungen aller Art, und mit ausdauernder Zähigkeit hält er an dem entschieden Erkannten und Gewollten fest, umgehet mit List und Geschwindigkeit den ihm versperrten Weg, und erreicht in den meisten Fällen das angestrebte Ziel. — Gestehen wir es nur, wir haben von den Juden Vieles zu lernen!" Dieses spricht und gestehet zwar nicht ein christlicher Theolog, aber doch ein geistreicher, gebildeter Mann, der alle seine Erfahrungen aus dem Leben geschöpft hat, die in Wahrheit gegründet sind, und *) Ganz vorurtheilsfrei kann man doch nicht sein. Daß der Herr Autor darunter nicht die Petitionen der Juden um Verwirklichung der ihnen von ihrem huldreichen Monarchen versprochenen Rechte versteht, dafür sind die oft in der „Donau" erschienenen Artikel Bürge. Welche find also die Calamitäten, an denen die Juden schuld sind? denen die öffentliche Meinung beistimmt. Vor ihnen müssen die Uebelwollenden verstummen. 8. L. Die Schweiz. Ober-Endingen, 1. Juni. (Privatmitth.) Wer vor 13 Jahren eine Reise durch die Schweiz gemacht, und jetzt dieselbe wiederholt, der kann sich gar gut überzeugen, wie in diesem Lande der Freiheit der Grundsatz der Rechtsgleichheit auch für die Juden durchgreift. Früher war es eine Seltenheit, wenn man einen Juden antraf. Jetzt reist man beinahe keine drei Stunden weit, wo man nicht eine jüdische Familie in einem Städtchen oder beträchtlichem Dorfe niedergelassen sehen kann. Genf, daö schon unter dem 3. Mai 1852 die Organisation der israelitischen Gemeinde genehmigte und autorisirte, hat nun unterm 1. Mai 1857 dieser Gemeinde ein Grundstück von 70 Toises auf einem der schönsten Plätze bei seinen Neubauten zum Behufe des Baues einer Synagoge angewiesen. Canton Neuenburg, der bis anhin der Niederlassung der Juden bedeutende Hindernisse entgegensetzte, hat jetzt beschlossen, ferner einem derartigen Beginnen keinerlei Schwierigkeit zu machen. Dabei ist das reiche und industrielle Chaur de Fonds mit gutem Beispiele vorangegangen. Diese Stadt gewährte zwar schon lange den Juden Aufnahme und hat sich auch daselbst so wie in Locle schon längst ein jüdischer Gottesdienst organisirt, dennoch aber hielt es für dieselbe schwer, die Bewilligung zur Niederlassung zu erhalten. Herr Rabbiner Nordmann von Hägenheim hatte mit dem dasigen Municipalrath manch harten Strauß über diesen Punkt. Auch in Neuenburg, Stadt, hat sich erst seil Kurzem eine Miniaturgcmeinde von Israeliten gebildet. Biel im Canton Bern scheint auch etwas derartiges werden zu wollen, indem nun dort bedeutende Etablissements von Uhrenfabrication durch Juden gegründet werden. Zürich behandelt die Juden in jeder Beziehung sehr human und haben sich dieselben bei der sämmtlichen Bevölkerung dieser humanen Behandlung in der ganzen Schweiz zu erfreuen. Das Volk dahier ist nir, gends gegen die Juden. Und dennoch ist „daö mittelalterliche Gespenst der irreligiösen Ausschließungssucht noch nicht aus allen Gauen gejagt." Der alte Adam spukt noch in einigen Cantonen, wo noch Judengesetze bestehen. In Hallum (Hallau), Canton Schaffhausen, ertheilte unlängst der Gemeinderath 27