Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 21 (1857)
- Issue
- Heft 27 (29.6.1857)
- Date
- 1857-06-29
- Page
- Seite 363 (sequence 5)
- Language
- German
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363 für wenige auserwählte Lieblinge seine Gaben bereit hielt, die große Menge aber mit unfreundlichem Sinne in den Abgrund der Nothwendigkeit hinabstieß, hat das neue Weltalter die beste Kraft seines Geistes und Strebens darauf verwandt, auch dem letzten vom Weibe Geborenen einen kleinen Antheil von den Gütern der Erde zugänglich zu machen. Sie hat dieses Streben zur Wissenschaft erhoben; so wie aber jede forcirte Richtung mit der Zeit unliebenswürdig und geziert erscheint, so auch die ofsicielle Menschenliebe. Oesterreich ist vor Allem die Heimath dieses officiellen Philanthropismus, wir möchten ihn den Josephinischen nennen. Gern beugt sich der Geist vor den Schöpfungen eines so mild waltenden Sinnes, blickt ehrfurchtsvoll zu den Palästen empor, die er aufgethürmt und verweilt froh bei den Segnungen, die der überall geschäftige bis in das einsame Krankenzimmer, bis in den Käfich des armen Geistesverwirrten sendet. Aber nicht ohne Mißbehagen vernimmt er, daß mit solcher edlen Fürsorge für das Stoffliche und Physische eine etwas vornehme Verläugnung des Geistigen und Idealen Hand in Hand geht. Kehren wir wieder zu dem löblichen Wirken der Agramer Biedermänner zurück, so haben wir daran nur zu rügen, daß der Stiftungszweck gar zu mannigfaltig ist Angesichts der annoch beschränkten Mittel. Die Gesellschaft scheint auch das gefühlt zu haben; denn während in den Statuten von 1850 ein Lesezimmer projectirt wird, ist in der Fassung von 1856 davon keine Rede mehr. Außerdem glauben wir keinen überflüssigen Rath zu geben, wenn wir in solchen Dingen vor jeder unnöthigen Ostentation, vor jedem Gepränge warnen. In einer Zeit, die der Thatkraft ohnedies nicht zu viel hat, darf die Bürgerkrone nicht so wohlfeil werden; sonst verlohnt es sich ja nicht, darum zu werben. Noch mehr aber sträubt sich dagegen der ächt jüdische Geist der glaubensstarken Altvordern, die schmucklos und geräuschlos das Höchste wirkten und mit leisem Geisterschritte die Saat streuten. Soll es endlich ein Verein sein, so sei die Leitung doch so Wenigen als möglich anvertraut, wenn nicht gar einem Einzigen. Nichts wirkt zerstörender und erkältender in solchen Dingen als die Methode des Vielregierens. So viel des Schädlichen hat die Alleinherrschaft nie gestiftet als der Demokratismus in nuee. Vor Allem aber wirkt es komisch, hier diesen Abstufungen der verschiedensten Ehrenämter zu begegnen, als Direktoren, Vicedirectoren, Ausschuß, Secretären, Rechnungsrevisoren, Begutachtungscommissionen u. dgl. — Wir haben nicht ohne Absicht dieser Erscheinung eine unverhältnißmäßig große Aufmerksamkeit zugewandt; denn es schien uns wichtig, an einem einzelnen Falle darzuthun, was uns die Bewegung der Neuzeit täglich vor Augen führt. *) Zeitungsnachrichten. Deutschland. Cassel, 10. Juni. (Erklärung.) So eben kommt mir die Nummer 23. Ihres geschätzten Blattes zu Gesicht und ich lese mit Staunen in einer Privatmittheilung aus Worms, daß die „Archiveisr." mich zum Verfasser eines Werkes unter dem Titel: „DaS Judenthum verglichen mit dem Christenthuine" machen. Auch von Liverpool aus ist die Frage an mich ergangen, ob ich Verfasser des unter diesem Titel in Eng- *) Wir haben unfern geschätzten Correspondenten seine Ansicht über den „Vereinsgeist" unumwunden aussprechen lassen, obschon sie der unsrigen, wie wir sie öfters kund gegeben, schnurstracks widerspricht. Zunächst ist die Bildung von Vereinen zu religiösen und wohlthätigen Zwecken für das Judenthum weder eine neue, noch überhaupt angenommene Sitte. Die Cheweroth zu den mannigfaltigsten Zwecken der Gemiluth-Chesed und Talmud-Thora sind eine uralte Institution unsrer Väter, die überall gleich nach der Bildung der Gemeinden ins Leben trat, und au der Verwirklichung des Judenthums in seinen sittlichen Geboten mehr Theil hat, als die Gemeinde selbst. Wenn der Correspondent sagt, daß durch die Vereine der Individualität der Raum genommen wird, so darf nicht vergessen werden, daß die Vereine allein zur Erreichung allgemeiner Zwecke befähigt sind, während das Individuum sich nur um Individuen kümmert; so muß bedacht werden, daß zahllose Individuen für ihre Person zu wohlthätigen Werken gar nicht geneigt sind, dennoch aber ihre Gaben den Vereinen nicht versagen, welche dadurch der Wohlthätigkeit zugewendet werden. Andererseits ist es weit weniger drückend für den Empfänger, Förderung und Unterstützung von einem Vereine anzunehmen, dessen Eristenz ihm diese Wohlthat zur Pflicht macht, als dem Einzelnen oder vielen Einzelnen gegenüber die Last der Dankbarkeit zu tragen. Wir geben zu, daß auch das Vereinswesen seine Schattenseiten hat und daß manches Unwesen mit ihm getrieben wird. Darin theilt es das Loos alles Menschlichen, und streben wir darnach, seine Mängel zu vermeiden. Das menschliche Geschlecht ist zur Gesellschaftlichkeit bestimmt, und die Individualität kann sehr wohl auch innerhalb des Vereinswesens sich bethätigen; ja es ist sogar die eigentliche Bestimmung der Individualität, nicht als etwas Gesondertes, nicht als ein-