Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1857-06-29 · Heft 27 (29.6.1857) · p. Seite 362

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
21 (1857)
Issue
Heft 27 (29.6.1857)
Date
1857-06-29
Page
Seite 362 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3226039-3226067--16204-3245045
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

362 tete. Bis jetzt hatte der Begründer nicht nur selbst bedeutende Geldopser der Anstalt gewidmet, sondern auch die alleinige Last des Unterrichts, sowohl im Hebräischen als in den klassischen Sprachen, neben seinen Berufspflichten übernommen. Sein Aufenthalt in Wien hatte den Zweck, die Hülfe der Glaubensgenossen für die Unterhaltung des Instituts anzurufen. Vornehmlich sollte ein Gehülfe angestellt werden, der die Lehrthätigkeit zur Hälfte mittrüge. Es fehlte auch nicht an der thatkräftigsten Theilnahme; und bald hoffen wir von dem jungen Reis berichten zu können, daß es zum kräftigen Baume aufgesproßt sei. Von dieser neuen Pflanzung im Gebiete der Schule eile ich, über eine Stiftung der Humanität und Nächstenliebe Bericht zu erstatten, über welche mir die Aktenstücke vorliegen. Der Schauplatz dieses wohlgemeinten Wirkens ist die entlegene Hauptstadt Kroatiens, eines Landes, von woher selten die Spuren eines bedeutenden Lebens vernehmbar werden. Herr Jaeques Epstein, unser würdiger Glaubensgenosse, Bürger zu Agram, und durch mannigfache gemeinnützige Bestrebungen wohlverdient, hat sich schon im Jahre 1846 mit anderen wohldenkenden Männern zusammengethan, um einen Humanitätsverein zu stiften. Der Magistrat von Agram fördert diese Bestrebungen durch rühmliche Zeugnisse und Anerkennung. Die Statuten, die uns in doppelter Fassung vom Jahre 1850 und 1856 vorliegen, sprechen Folgendes als die Tendenz der Gesellschaft aus: Es wird Unterstützung in zweckmäßiger Form beabsichtigt, nicht blos in Vaarem, sondern Hülfe von dauerndem Werth, wodurch sittliche Hebung des Begabten erreicht wird. Wittwen soll eine ehrenvolle Beschäftigung geboten werden; — herabgekommene Gewerbsleute sollen Arbeit und Vorschüsse erhalten; verwaiste und verwahrloste Kinder in Obhut genommen werden. Vom Rabbiner Moritz Goldmann liegt eine Rede vor, die er zur Einweihung des Vereins gehalten hat. Ein Nechenschaftsbericht über die Thätigkeit des Vereins von 1846 bis Ende 1849 berichtet, daß die Genossenschaft bis dahin über eine Einnahme von Fl. 1628. verfügt, Fl. 1222. für den Stiftungszweck verwandt habe, und mit einem Fond von Fl. 406. C.-M. ihre Rechnung fortsetze. — Als Zahl der Mitglieder finden sich 116 angegeben. Endlich erwähnt ein Agramer Zeitungsblatt vom 28. August 1856, daß der Cardinalerzbischof Georg Haulik dem Unternehmen die großmüthige Schenkung von Fl. 1000. C.-M. zugewandt habe. Indem wir diesen wohlgemeinten Versuch gutdenkender Männer in ermunterndem und anerkennendem Sinne vermerken, können wir doch nicht umhin, einige allgemeine Bemerkungen daran zu knüpfen. Vor Allem scheint uns der Name Humanitätsverein nicht glücklich gewählt. Es ist gut und schön, die rohesten materiellen Leiden der Kreatur zu lindern und der Gesittung die ersten Schritte zu bahnen; aber dies ist noch lange keine Humanität. Humanität ist dasjenige Element in der Geschichte der Menschheit, welches aus der großen Masse einen höheren Menschenstand erziehen will, ein Versuch, welcher dem Genius der Menschheit vielleicht drei oder vier Mal gelungen ist, so weit ihre Jahrbücher melden. Nehmen wir nun diese Stiftung als das, was sie ist, ein Werk der thätigen Nächstenliebe, so müssen wir die Form lassen, weil die Zeit sich dafür ausgesprochen hat, weil der Zeitgeist es so will, daß das Größte wie das Kleinste durch den Vereinsgeist geschehe. Aber offen gesagt, ein rechtes Herz läßt sich nimmer zu diesem Geiste fassen: Anerkennung, Achtung seiner bedeutenden Wirkungen ist Alles, was wir ihm bieten können. Ja, der Vereinsgeist muß sich den Vorwurf gefallen lassen, daß er der Kraft der Individualität entgegenarbeitet, und sie, die ohnehin schon selten genug ist, völlig vom Schauplatze verdrängt, daß er die edelsten Bestrebungen in Scheidemünze auflöst und es möglich macht, das Gute mit einem unheiligen Sinne verdienstlos zu vollbringen. Für Israel aber hat der Vereiusgeist noch ein Bedenkliches mehr; denn wir fürchten beinahe, daß diese Idee der Neuzeit, auf den ungewohnten Boden übertragen, bis zum Ueberdrusse und bis zur Zersplitterung und Zerklüftung der Kräfte durchgeführt, endlich die schöne Blüthe der Menschlichkeit und Bruderliebe durch Uebercultur ersticken werde, die sonst auf diesem Boden ihre herrlichste Triebkraft entfaltete. Dieser Gedanke hat mich oft beschäftigt, und ich möchte sagen, eine ganze Reihe von analogen Erscheinungen hat ihn synthetisch hervorgerufen. Auch kann ich heute nur bei seinen äußersten Umrissen verweilen, wie lohnend auch ein tieferes Eingehen sein möchte. Der Vereinsgeist ist nun eben auf seiner Weltwanderung begriffen; vom freien Westen, seiner Wiege, sahen wir ihn seine Schritte nach Osten lenken, und es ist höchst eigenthümlich zu beobachten, wie er noch an den äußersten Pforten europäischer Gesittung seine Saaten streut und getragen vom Geiste der Nachahmung seine Stätte gründet. Der Neuzeit gebührt der große Ehrenpreis, daß sie helfend und fördernd an die gemeinen Leiden der Menschheit ihre Hand gelegt hat. Während das Alterthum nur

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.