Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 21 (1857)
- Issue
- Heft 27 (29.6.1857)
- Date
- 1857-06-29
- Page
- Seite 361 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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361 Wiener Kriefe von H. Zirndorf. VII. Das neue Gotteshaus in der Leopoldstadt schreitet sichtlich seiner Vollendung entgegen. Noch sind die edlen Formen mit rieflgen Gerüsten umhüllt, und ein Wirrwarr von Balken und Sparrenwerk verwehrt dem Blick, sich im Innern zurecht zu finden. Aber schon ist dem Bauwerk die Krone und das Haupt aufgesetzt, schon trägt seine Stirn die edle Zier der kleinen Kuppeln im schönsten maurischen Style, unv der bedeutende Stahlstich, welchen das Wertheimer'sche Jahrbuch vor zwei Jahren von dem vollendeten Gebäude mittheilte, beginnt allmählig Wahrheit zu werden und sich in die erhabenste Wirklichkeit zu übersetzen. Unter diesen Umständen sind die Bemühungen der Vertreter bedeutend, diesem Gotteshause den Schmuck eines würdigen Cultus zu verschaffen. Die Leistungen des Herrn Julius Sulzer, des Sohnes unseres gefeierten Cantors, als Tondichter und Theoretiker in der Musik, haben demselben neben dem beneidenswerthen Erbtheil eines berühmten Namens längst die verdienteste Aufmerksamkeit zugewandt. Jüngst wurde dem jungen Künstler die Auszeichnung zu Theil, von der Akademie der Musikfreunde zum Professor des Gesanges ernannt zu werden. An die Bewerbung dieses Künstlers um die Stelle des ersten Cantors am neuen Tempel knüpften sich von allen Seiten große Erwartungen. Jetzt, nachdem diese aufs glänzendste durch seine wiederholten Probevorträge erfüllt worden, darf das Bedenkliche seines Auftretens ein weiteres Ehrenzeugniß für ihn bilden. Durch diese Probevorträge hat der Bewerber von der Kraft, Fülle und Lieblichkeit der seltensten Stimmmittel Beweise gegeben; andererseits aber eine seltene geistige Vielseitigkeit an den Tag gelegt, indem er in verhälmißmäßig kurzer Zeit das Liturgische und Sprachliche bewältigt hat. Namentlich war der zweite Vortrag ‘■D'TDn rau) so allgemein ansprechend und befriedigend, daß er als ein vollgültiger Beweis für seine Berufung zum Cantor gelten kann. Auch für die Stelle des zweiten Cantors hat sich in der Person des Herrn Friedmann ein würdiger Bewerber gefunden. Gern berichte ich über erfreuliche Zeichen geistigen Lebens und Aufschwunges aus den weiten Provinzen dieses Reiches. Namentlich ist es Ungarn, das in neu gefühlter Jugendkrast von Zeit zu Zeit sich in Versuchen um Schule und Gotteshaus bemüht, Versuche, die um so lobenswürdiger erscheinen, weil sie zur Zeit noch vereinzelt stehen und weil erst die Zukunft den Beruf hat, sie zur Gesammtschöpfung zu verbinden. Meist sind es einzelne jüngere Rabbiner und Prediger, die mit jugendlicher Kraft und Thatenlust auch noch den schönen jugendlichen Glauben an den Sieg deS Guten vereinigen. Diesmal ist die Rede von einem Manne, der wohl in seinen Bestrebungen dem Auslande als homo novus erscheinen möchte, dessen tüchtige Begabung aber unter seinen zahlreichen Wiener Freunden unv unter dem spruchfähigen Theile der Wiener Gesellschaft längst anerkannt war, als er vor zwei Jahren dem Rufe als Rabbiner nach Scenitz in Ungarn folgte. Als ich hierher kam, lebte l)r. I. H. Hirschfelv noch in der Hauptstadt in angenehmen Verhältnissen, und bei seiner vielseitigen Bildung namentlich als politischer Schriftsteller beliebt und gelesen. Schon damals beschäftigte ihn vielfach eine Lieblingsidee. „Wir müssen", sagte er, „solche Pflanzstätten der jüdischen Theologie schaffen, in welchen der junge Nachwuchs so lange als möglich dem nichtjüdischen Einflüsse entzogen bleibt. Wir müssen jungen Männern Gelegenheit verschaffen, auch den Geist der profanen Wissenschaft in edler, gläubiger Form und fruchtbringender Weise sich anzueignen. Kurz, die Idee des theologischen Seminars soll nach einem gewissen Universalismus hinstreben." Vieles in diesen Anschauungen traf mit meinen eigenen Ansichten zusammen; über Widerstrebendes verhehlte ich meine Zweifel keineswegs. Namentlich wollte ich die Universität in ihrer Bedeulung als Erzieherin eines wahrhaft gebildeten Rabbinerstandes ungeschmälert wissen. Alsbald folgte er seinem neuen Rufe. Daß er dort in einer der gläubigeren Gemeinden Ungarns sich schnell allgemeines Vertrauen und Anhänglichkeit erwarb, überraschte nicht sehr. Welche Ueberraschung aber für seine Freunde, als er jüngst im März hierher kam und die Nachricht mittheilte, daß er auf eigene Faust eine jüdische Studienanstalt im Sitze seines Wirkens gegründet habe. Die weiteren Nachrichten, die er davon gab, verschafften seinem redlichen, uneigennützigsten Eifer und seiner Opferwilligkeit das verdienteste Lob. Es war eben eine solche Anstalt in ihren ärmlichsten Anfängen, wie er sie schilderte, aber doch schon lebenskräftig, Ersprießliches verheißend und der Unterstützung höchst würdig. Es hatten sich etwa vierzig Zöglinge, meist in zarten Jahren, aus dem nächsten Umkreise zusammengefunden; und viele andere mußten zurückgewiesen werden, weil die Mittellosigkeit des jungen Unternehmens nicht die Unterstützung der völlig Hülfslvsen verstat- 27*