Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 21 (1857)
- Issue
- Heft 27 (29.6.1857)
- Date
- 1857-06-29
- Page
- Seite 360 (sequence 2)
- Language
- German
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360 derselben Stufe; oder er muß das Wort ganz von dem Augenblicke abhängig machen, und da ist eS unmöglich, theilS immer die rechte Stimmung zu haben, theils sie während der ganzen Rede zu behalten. Daher kommt eS, daß Prediger, die in der Regel ertempore sprechen, an gewisse Gegenstände, Gedankenreihen, Bilder und Redensarten sich gewöhnen und festhalten und hieraus das den Kanzelrednern so oft vorgeworfene „Salbadern" entspringt. Da nun gewöhnlich der Prediger, welcher sich ans Ertempvriren gewöhnt hat, sich der sorgfältigen Abfassung und des Memorirens entwöhnt, so daß letzteres ihm mit der Zeit fast unmöglich wird: so haben wir schon unter jüdischen und christlichen Rednern sehr begabte Männer als Redner zu Grunde gehen sehen. Das Publikum hat ein besseres Gedächtniß, als man ihm gewöhnlich zutraut, und wenn ihm ein Redner wiederholt dieselben Gedanken und Formeln auftischt, so verläßt es den Sprachstuhl desselben gar bald. Es ist aber nicht zu übersehen, daß, um die Wirkung des Redners zu erhöhen, auch der gute Ruf gehört, nicht blos in sittlicher, sondern auch in oratorischer Beziehung. Dem wohlrenommirten Redner gelingt es viel leichter, seine Zuhörer Hinzureißen, weil ihm ihre besondere Aufmerksamkeit schon entgegenkommt. Unsre Ansicht geht also dahin, daß der pflichtgetreue Prediger seine Predigt vorher sorgfältig niederschreibt. Da wird es ihm leichter, die strenge Gedankenfolge einzuhalten, den Fortgang seiner Ideen lange genug zu erwägen, Plattitüden zu vermeiden, unglückliche Ausdrücke zu beseitigen, mit einem Worte: künstlerisch zu formen und zu seilen. Es giebt glückliche Momente des Ertemporirens, aber als Regel muß die niedergeschriebene Predigt jede Ertemporation an Werth übertreffen. Die abgefaßte Predigt muß memorirt werden. Mit dem Gedächtnisse ist es eine eigene Sache — aber das ist sicher: je mehr man ihm aufbürdet, desto leichter wird ihm seine Arbeit. Hier wenden wir uns insonders an die jungen Berufsgenossen: zwinget Euch, und wenn die Vorbereitung mehrere Tage in Anspruch nimmt, die Predigt auswendig zu lernen — nach kurzer Zeit hat sich Euer Gedächtniß gewöhnt, nur eben so viele Stunden zu brauchen, wie früher Tage. Unterläßt aber der junge Prediger das Memoriren und verläßt sich öfter auf andre Mittel, so wird fein Gedächtniß schwach bleiben, und ich erinnere mich eines vortrefflichen Predigers, dem es seine merkwürdig guten Augen möglich machten, abzulesen, und der zu mir sagte: „sollte ich meine Predigten auswendig lernen, so will ich lieber Holz hauen." Die Hauptsache ist aber dabei, in den ersten Zeiten des Amtes das Memoriren so gründlich zu treiben, daß jede Besorgniß, vom Gedächtniß im Stich gelassen zu werden, schwindet. Denn allerdings kann eine solche Befürchtung am ehesten das herbeiführen, wovor es Euch grauet: „ein Steckenbleiben". Hierzu noch der praktische Rath, schreibt Euren Contert nicht zu einförmig und geradlinig, da Ortszeichen die beste Unterstützung für das Gedächtniß sind. — Der einzige Einwand, den man gegen diesen Modus zu erheben pflegt, ist, daß die Rede zu künstlich, und der Vortrag zu steif werde. Beides ist zwar immer noch besser als langweilig und leer, kann aber sehr gut vermieden werden. Der Prediger gewöhne schon bei der Abfassung sich an eine gewisse Natürlichkeit; er suche seine Ausdrücke nicht allzu sehr, und habe immer vor Augen, daß das Publikum ihn hört, nicht liest. Der Vortrag darf nicht eine bloße Sache des Gedächtnisses sein; er muß auf der Kanzel eine Reproduktion des Geschriebenen und Memorirten sein; aus dem Innersten seines Geistes und Herzens muß sich das noch einmal schaffen, was er in der Vorbereitung schon einmal geschaffen hat. Es ist dies durchaus nicht parador; denn da der Redner nur Selbstgeschaffenes sprechen soll, und da, was er spricht, aus seiner innersten Ueberzeugung entspringen muß: so ist die Predigt, wenn auch vorher abgesaßt und memorirt, nicht ein bloßes Hersagen auswendig gelernter Worte, sondern eine Reproduction aus den Tiefen des bewegten Geistes. Allerdings muß daher das Publikum nie merken, daß die Predigt memorirt ist. —■ Nichts verhindert die Wirksamkeit des Redners so sehr, als wenn ihm der Zuhörer die mühsame Arbeit Satz nach Satz aus dem Gedächtniß heraufzuwinden ansieht. Dem gegenüber habe ich freilich einen Redner gekannt, der, da er stets ertemporirte, wenn er nicht gut weiter konnte, ein so unverständliches Geschrei, mit Schlagen auf die Kanzel begleitet, anfing, daß er Zeit genug bekam, wieder auf neue Phrasen zu kommen, und doch die Lücken sehr pathetisch ausgesüllt hatte. Zum Schluffe wiederholen wir den Rath, den der alte Luther einem Predigtamtscandidaten gegeben: „Tritt frisch auf, thu' den Mund auf, und hör' bald wieder auf." Je bedeutsamer der Beruf des jüdischen Predigers in unsrer Zeit ist, desto mehr halten wir es für die theure Pflicht Derer, die vieses Amt zu ihrem Lebensberuf machen, und die von einer Gemeinde dieses Amt anvertraut nehmen, demselben eifrig obzuliegen, und nie anders als sorgfältig vorbereitet die Kanzel zu betreten.