Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 21 (1857)
- Issue
- Heft 26 (22.6.1857)
- Date
- 1857-06-22
- Page
- Seite 347 (sequence 3)
- Language
- German
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347 Mast ihres im Hafen ankernden Schiffes gehängt. Dann am Ostersonntag find fie in die Stadt gekommen, um ihn vor der Kirche zu verbrennen. Es bedurfte der Dazwischenkunft des Statthalters und deö Einschreitens der Sicherheitsbehörden, um einen solchen Skandal zu unterdrücken und die Israeliten gegen heftige Drohungen zu schützen. Seine Hoheit, der Fürst-Caimacam hatte späer energische Befehle ertheilt. Wir find herzlich für die Unterstützung dankbar, welche uns die roumänische Regierung angedeihen ließ, aber möge ste zum letzten Male nothwendig gewesen sein! Solche Ereignisse find eines civilifirten Volkes unwürdig, und es wäre zu wünschen, daß die Minister Seiner griechischen Majestät Maßregeln ergriffen, daß in Zukunft derlei Ungehörigkeiten an den Ufern, welche die Schiffe ihrer Nation berühren, sich nicht wiederholen; sicher wird das auch die brittische Regierung bei ihren Unterthanen der ionischen Inseln thun. Wir aber, wir wollen den Griechen sagen: Was soll der Haß zwischen uns, und wird er denn nie enden? Statt daß wir uns gegenseitig achten müßten und wie Brüder lieben, denn unsere beiden Nationen haben eine große Vergangenheit, haben gleiche Schmerzen gelitten und haben beide eine glorreiche Zukunft vor sich. Was wäre Europa ohne das Blitzen Eures Olymps gewesen, was die Welt ohne die Strahlen unseres Sinai? Israel bewahrte eifersüchtig das Wort des Ewigen, gleich dem heiligen Oele in einem Gefäße, bis die Stunde gekommen war, die Völker damit zu weihen, und Griechenland bereitete Europa dazu vor. Wir trugen die Fackel der Einheit Gottes, Ihr verkündetet die Freiheit des Menschen : das war der Doppelschatz, den uns die Vorsehung «»vertraute; und das Meer schützte Euch gegen die Barbaren, wie uns die Wüste gegen die Heiden, so daß durch uns eines Tages die Welt gerettet werden konnte im Namen Gottes und der Freiheit. Der Ewige wollte, daß wir ein Volk der Priester, Ihr ein Volk der Helden würdet, und wenn von uns die Menschen das Gebet lernten, so lehrtet Ihr ste den Kampf. Und heute noch lesen die, welche beten und sich zu Gott erheben wollen, unsere Psalmen und begeistern sich an unfern Propheten; und die, welche ihre Vaterlandsliebe erregen und die Erde besiegen wollen, rufen Eure großen Männer an: Leonidas bei den Thermopylen, Epaminondas bei Mantinea, Miltiades bei Marathon, Themistokles bei Salamis und Aristides im Vyräus, welcher, obgleich er durch List die feindliche Flotte zerstören konnte, lieber den Triumph verzögerte, als der Gerechtigkeit entgegen handelte. Durch Euren großen Alexander lernten wir, Israeliten und Griechen, uns zuerst kennen; er ging gegen Jerusalem, aber an den Thoren der heiligen Stadt beugte er sich vor dem Hohenpriester und überhäufte ihn mit Gunstbezeugungen, und da die Seinigen darüber erstaunt waren, sagte er: „In dieser Nacht hatte ich eine Vision, dieser Greis erschien mir und forderte mich zur Eroberung von Persien auf!" und wirklich zeigte ihm der Hohepriester die Stelle im Daniel, welche diese Eroberung vorhersagt. Die, welche uns beherrschten, habt Ihr befiegt. Später unterlagen wir denselben Herren, dann wurden wir zerstreut, dann wurdet auch Ihr zerstreut. Aber als nach langer Nacht deS Mittelalters die neue Morgenröthe erschien, bei Euch und bei uns begann da die Wiedergeburt, an den Quellen der Bibel und der Jliade schöpfte die erschlaffte Welt neue Lebenskraft. Am Glanze Eures alten Griechenlands begeisterte die Menschheit sich für das Schöne, und mit heiliger Bewunderung für die Natur ließen fie die klösterlichen Kasteiungen hinter sich; indem sie ihre Seele mit Eurem Stoicismus erfüllten, verwarfen fie die kraftlose Entsagung und ergriffen den befreienden Heroismus. Zu gleicher Zeit lernten die Völker durch unsere Bibel ihre unmittelbaren Beziehungen zum Ewigen wiederherstellen, erfuhren, daß nur durch Gerechtigkeit Gottes Gnade zu erwerben sei, und fühlten in sich die Hoffnung, gerettet zu werden. Eure Nation, o Griechen, erstand endlich wieder, Eure Aufgabe wird dadurch um so größer. Keiner von uns darf je vergessen, daß alle Nationen zugleich wieder geboren werden müssen, oder alle zugleich in das Grabgewölbe eingehen, denn der göttliche Ring, der fie verbindet, kann nicht zerbrechen. Die Zeit des Nationalhaffes ist vorüber, welcher ernste Grund zu Feindseligkeiten eristirte zwischen uns? Wenn es wahr ist, daß unsere Väter vor 18 Jahrhunderten Denjenigen verdammten, den Ihr verehret und der, ein geborener Jude, unser Bruder in Israel war, ist das ein Grund, daß wir verachtet und gegeißelt von Geschlecht zu Geschlecht werden? Fändet Ihr gerecht, wenn die Männer, die fich zur Philosophie deS Sokrates bekennen, sich's zur Pflicht machten, jährlich in Effigie den Giftbecher den Söhnen Derjenigen, die ihn verdammten, zu reichen? Während unseres langen Leidens haben wir sicherlich Beide viel gesündigt, dürfen wir deshalb den Stein auf einander werfen? Das find Fehler, für die der Unterdrücker weit mehr verantwortlich ist, als der Unterdrückte. Was wir durch Euch gelitten, hat unsere Glaubensbrüder vom Occident 26*