Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 21 (1857)
- Issue
- Heft 24 (8.6.1857)
- Date
- 1857-06-08
- Page
- Seite 321 (sequence 3)
- Language
- German
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321 sind angewiesen, streng darauf zu halten, daß die mit Zeugnissen entlassenen Knaben sofort einen ehrlichen Beruf ergreifen, die ohne Zeugniß zurückgewiesenen Knaben und Mädchen aber die Schule so lange besuchen, bis sie, wenn auch nach mehrmals wiederholter Prüfung, mindestens ein Zeugniß mit No. II. erlangt haben. (Wir ersuchen unsre Correspondenten in Posen, uns mitzutheilen, ob dieses Verfahren allein in Rawicz, oder im ganzen Großherzogthum üblich ist? Diese ausgedehnte Beaufsichtigung der „jüdischen Kinder beiderlei Geschlechts", welche die Grenzen der Schulpflichtigkeit überschreitet, ist ungewöhnlich, und die Frage, waS unter einem „ehrlichen Beruf" zu verstehen, drängt sich aus. Die Redaction.) Bochum in WestpHalen, im Mai. (Privatmitth.) Während in den letzteren Decennien nach den Berichten Ihres sehr geschätzten Blattes von verschiedenen Gegenden die erfreulichen Wahrnehmungen gemacht wurden, daß größere und kleinere Gemeinden oft mit nicht geringen und schweren Opfern herrliche Synagogenbauten aufgeführt haben, müssen wir wehmüthig auf einige Landstriche Westphalens blicken, die für religiöse Angelegenheiten wenig Herz und Sinn haben. So z. B. findet man im Sauerlande sehr selten eine Gemeinde, die eine gebaute Synagoge hat. Gotteshaus und Gottesdienst sind verödet und liegen brach; jüdische Lehrer findet man da selten, und die Jugend wächst ohne allen Religionsunterricht auf. Auch in unserer Gemeinde, die zwar nicht zum Sauerlande, aber doch zum Regierungsbezirk Arnsberg gehört, fehlt es an einem ordentlichen, ansprechenden und zeitgemäßen Gotteshaus, trotzdem die Gemeinde circa 4V jüdische Familien zählt, die größtentheils sehr wohlhabend sind. Hoffen wir, daß es den edlen Bemühungen unsrer hiesigen israelitischen Verwaltungsbehörden recht bald gelingen möge, daß auch unsere Gemeinde eines schönen Gotteshauses und erhebenden Gottesdienstes sich zu erfreuen habe. Unsere hiesigen Israeliten sind sonst allgemein sehr geachtet, verwalten städtische Ehrenämter u. s. w. und wird eö ihnen gewiß sehr zustehen, auch für die Religion eine ewige Ehrensäule zu^bauen, damit ihre Nachkommen mit Segen ihrer gedenken. A. Laser. Königsberg, im Mai. Die brutale Scene in Gutstadt hat ihren Schluß noch nicht gefunden. Die hiesigen Blätter berichten aus jener Stadt: Gegen Ende Februar d. I. wurde bekanntlich der Kürschnermeister Meierowski hier bei Gelegenheit eines Meisterschmauses von mehreren Mitmeistern in rohem Uebermuth überwältigt und auf die empörendste Weise dergestalt verletzt, daß er seine Wiederherstellung nur der außerordentlichen Geschicklichkeit und der unausgesetzten Bemühung des ihn behandelnden Arztes zu danken hat. In Folge dessen wurde die Untersuchung eingeleitet. — Vor Kurzem fand die öffentliche Verhandlung dieser Sache in Heilsberg statt und das Kreisgcricht daselbst hat die Betreffenden der fahrlässigen Körperverletzung für 'schuldig befunden und sie zu vierzehn Tagen Gefängniß und Tragung sämmtlicher Kosten verurtheilt. Die Gutachten der Aerzte waren in so fern widersprechend, als das eine die Verwundung als durch die Fingernägel bewirkt erkannte, während das andere eine Verletzung mit einem spitzigen Instrument (Messer oder Scheere) gefunden hatte. — Die Staatsanwaltschaft hat Appellation eingelegt und das ostpreußische Tribunal in Königsberg wird nun nächstens darüber zu entscheiden haben. Oesterreichischer Kaiserstaat. Wien, 27. Mai. (Privatmitth.) Eine eigenthümliche Erscheinung giebt es jetzt auf jüdischem Gebiete. An allen Ecken und Enden sind Concurse ausgeschrieben. Ueberall werden Rabbiner, Prediger, Lehrer, Cantoren rc. gesucht, und überall finden sich aus allen Ecken und Enden Concurrenten ein, und doch gehet es überall bei der Wahl so schwer her. Ich will schweigen von Gemeinden, wo Parteistreitigkelten sind oder sonstige persönliche Interessen obwalten; aber selbst da, wo diese Uebelstände nicht vorhanden sind, ist die Wahl so schwer. Abgesehen von der Zeit vor dem Jahre 1848; seit diesem Jahre aber hat entschieden das Studienwesen einen neuen Aufschwung genoinmen. Wo sind die Früchte auf unserem Gebiete? Sind wir wirklich ein Epigonengeschlecht oder sind die Anforderungen, die man jetzt stellt, zu hoch, oder ist der Zeitraum noch zu kurz und werden wir erst nach Decennien die Früchte schauen? — Bedenkt man, welche Summa des Wissens sonst im jüdisch-talmudischcn Fache gefordert wurde, und wie heute diese Forderungen zusammengeschrumpft sind, da es auch nur Wenige giebt, die ein gründliches Urtheil darüber haben; so dürfte man die jetzigen Anforderungen in wissenschaftlicher