Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 21 (1857)
- Issue
- Heft 22 (25.5.1857)
- Date
- 1857-05-25
- Page
- Seite 290 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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290 der Orthodorie beilegen, dennoch die wesentlichen Elemente der Umgestaltung, Predigt und Chorgesang angenommen haben. Der Synagoge zur Seite entfaltete die jüdische Schule ein neues Leben. Vor zwei Jahrzehenden war die jüdische Schule, als Elementar- und Bürgerschule, eine Ausnahme; man konnte deren in Deutschland, Preußen und Oesterreich zusammen nicht mehr als ein Dutzend zählen; die regelmäßig organisirte Religionsschule war gar nicht vorhanden, und die erste wenige Jahre vorher in Magdeburg gegründet worden. In seiner großen Mehrheit befand sich der jüdische Lehrerstaud noch auf einer sehr niedrigen Stufe, und wenn er in der Kenntniß der hebräischen Sprache und der jüdischen Theologie die Lehrer der Jetztzeit weit überragte, so war er doch durch den Mangel an allem übrigen Wissen, an Bildung, Methodik und würdiger Erscheinung unbefähigt, selbst sein hebräisches Wissen geltend und fruchtbar zu machen. War also damals die allgemeine Ansicht, daß es aufh'ören solle, eine jüdische Schule zu geben, so hat sich auch hierin ein vollständiger Umschwung kunv gethan, und selbst an Orten, wo die kosmopolitische Ansicht die Oberhand hat, z. V. in Frankfurt a. M. unterläßt man doch nicht, eine bedeutende jüdische Schule zu erhalten, und selbst der Verein, welcher dem specistschen Judenthum geradezu feindlich entgegentrat, der Reformverein in Berlin, gründete und Pflegt seine Religionsschule. Es wäre unrecht, diese wichtige Erscheinung, welche gegenwärtig ganz Europa, von London und Paris bis an die astatische Grenze mit jüdischen Schulen bevölkert, allein dem Wiedererwachen des cvnfessionellen Geistes in den christlichen Kirchen zuzuschreiben, während sie nicht minder in dem positiven Bewußtsein wurzelt, daß die jüdische Schule allein dem religiös zersetzenden und materiellen Leben ein Gegengewicht aufzustellen vermag. Wir brauchen nicht minder nur anzudeuten, daß diese Zeitung gleich bei ihrem Beginn die Nothwendigkeit von organisirlenBildungsanstalten für Rabbinen und Lehrer aufs Kräftigste nachwies und in den Geistern belebte, und wie seitdem eine, wenn auch noch lange nicht genügende Zahl solcher Anstalten in die Wirklichkeit trat. Fügen wir dem sogleich einen Blick aus die Literatur hinzu. Der Anfangszeit unsres Blattes war eine für die Literatur völlig arme voraufgegangen; die jüdische Literatur glich einer weiten Steppe, in welcher nur zwei oder drei hohe Palmen hervorragten, und hie und da einsame Ginstersträuche dem nackten Sande entwuchsen. Von Mendelssohn bis dahin können wir nur die historischen Arbeiten von Jost und Zunz als übrig geblieben betrachten. In allen Zweigen gab es nur kärgliche Anfänge, und nur die Homiletik war bereits ihrer selbst würdig. Wie gewaltig aber seit jener Zeit die Strömung der jüdischen Literatur ward, welche Höhe die geschichtliche Forschung, welche Verjüngung die Bibeleregese, welche bedeutende, freilich noch unzureichende Beleuchtung der Talmud, insonders in seinem halachischen Theile, eine ausnehmendvolle aber in seinem hagadischen Theile, welche Ausdehnung die Schulliteratur, welche Gediegenheit bereits die poetische erreichte, ist jedem Sachkundigen bekannt. Dann aber galt es, nicht allein eine Literatur zu schaffen, sondern derselben auch ein Publikum heranzubringen, damit die Schätze des Geistes nicht blos in den Truhen der Gelehrten, sondern auch in den Händen der Masse seien, und die geistige Bewegung tief in das Herz des Volkes eindringe. Daß auch hierin ein großer Fortschritt geschehen, daß die Gemeinde, die sich um den Lehrstuhl der jüvischen Literatur schaaret, immer größer werde, haben Erscheinungen jüngster Zeit genugsam erwiesen. Allerdings muß man bekennen, daß die jüdische religiöse Praktik in dem verffossenen Zeitraum sehr gelitten. Die Nichtheilighaltung des Sabbaths, die Hintenansetzung der Speisegesetze, die Nichtübung der gottesdienstlichen Gebräuche haben sich in allen Schichten der jüvischen Volksmasse in wachsender Proportion verbreitet. Und selbst Diejenigen unter den Juden, welche principiell dieser jüvischen Praktik, wenigstens zu ihrem großen Theile, feindlich gesinnt sind, müssen zugeben, daß hiermit der religiöse Sinn sich sehr vermindert hat, daß die sittliche Kraft und Würde, namentlich in der Jugend, sehr geschwächt worden, daß Tugenden, welche seit ältester Zeit dem jüdischen Stamme einwohnten, zu weichen begannen, daß insonders das Haus aller religiösen Belebung entbehren lernte. Wohl zu beachten ist aber, daß diese Bewegung im religiösen Leben der Juden vor dem Beginn dieser Zeitung bereits viele Jahrzehende hindurch begonnen hatte, daß sie an vielen Orten bereits völlig so stark war, wie jetzt — wir könnten dies mit Thatsachen belegen — und daß sie seitdem sich nach Orten verpflanzt hat, wo sie bis dahin nur heimlich gekannt war. Diese Entfremdung von der jüdischen Religionspraktik war gegeben und mußte wie eine Kugel auf geneigter Bahn immer weiterrollen. Hier war und ist nichts mit Tiraden, Flüchen, Bann und Ercommunication zu machen. Sicher ist es, daß, wenn diese wachsende Entfremdung mit einer weiter dauernden Unbewegtheit, mit der Windstille des Geistes, die auf dem Gebiete