Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 21 (1857)
- Issue
- Heft 21 (18.5.1857)
- Date
- 1857-05-18
- Page
- Seite 284 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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284 Ganz besonderaber verdient hervorgehoben zu werden, daß der Gemeinde Ostrowo vor 150 Jahren schon von dem damaligen Probst Gerrmann nicht bloS der Platz, sondern auch noch 2000 Fl. polnisch (333 V» Thlr.) geschenkt, so wie daß ihr jetzt von dem GutSbesttzer, Herrn v. NaScerowSki (im dortigen Kreise), 6000 Thlr. baar auf 10, und für 4000 Thlr. Baumaterialien auf 15 Jahre vorgeschossen worden. Die Ausführung deS Baues ist dem Maurermeister Lande, einem jungen Israeliten auS Ostrowo, in Entreprise gegeben worden. ES konnte also dort — eben so, wie neulich bei einer ähnlichen Gelegenheit in Hamburg (s. Jüd. VolkSbl. No. 27. S. 107.) — gesungen werden: „Doch jetzt ist daS anders, wir bauen ein HauS, Und daS Beste, das kommt von uns selber herauS; Der Meister, der Alles erfindet und schafft, Zst unser und weihet u»S Kcnntniß und Kraft." Dm Schluß der Feier bildete ein hebräisches Gebet, vom Rabbiner vorgetragen. Darauf fand ein heiteres Mahl statt, wobei eS an patriotischen und andern Toasten nicht fehlte. An demselben Tage noch wurden 800 Pfd. Mazzoth unter die Armen der Gemeinde vertheilr. — Wir können nicht unterlassen, hieran die Bemerkung zu knüpfen, daß Ostrowo, zu den größer« und intelligentern Gemeinden der Provinz gehörend, fünf Wohllhärigkeitsvereine auszuweisen hat und (in einem eigenen Gebäude) eine vierclassige Elementarschule besitzt, die namentlich seitdem der anerkannte Pädagog Igel als erster Lehrer an ihrer Spitze steht — zu den besten jüdischen Unterrichtsanstalten unserer Provinz gerechnet wird. — DaS der vorgenannten Gemeinde benachbarte Pieschen hat noch immer keine Gemeinde-Elementarschule. Es begnügt sich vielmehr mit seiner vor zwei Jahren errichteten sogenannten Religionsschule, einem Institute, daS — trotz alles LärmenS und Schreiens davon — doch auf nichts weiter als auf ein „Chedar in modernem Style" hinausläuft. Wir brauchen in unserer Provinz tüchtige Elementarschulen, und diese werden auch tüchtige Religicnsschulen sein, wenn wir Lehrer anstellen, die — neben den sogenannten profanen Wissenschaften — auch im ReligionS- und hebräischen Unterrichte Tüchtiges zu leisten vermögen. Reichen aber die gesetzlichen Schulstunden (32 wöchentlich) nicht aus, nun so setzen wir doch für jeden Tag 2—3 Stunden mehr auf den LectionSplan und sichern unfern Lehrern eine angemessene Gratisication (neben ihrem Gehalte) unter der Bedingung, daß sie diese angehängten Stunden nur zum Unterrichte in der Religiön und im'Hdbräifchen — und zu nichts Anderem— verwenden müssen. Unsere Kinder aber 4 Stünden Bor- und 2 Stun^ den Nachmittags in die christliche Schule schicken und sie später noch 2 — 3 Stunden täglich in einer besondern Anstalt von jüdischen Lehrern in der Religion und im Hebräischen unterrichten lassen: — daS ist ein Verfahren, welches — wenn eS auch noch so kostspielig ist — dennoch seinen Zweck nicht ganz erreichen wird. Möge eS immerhin an solchen Orten geschehen, wo eS entweder Umstände und Verhältnisse so gebieten, — für die Gemeinden unserer Provinz paßt jene Einrichtung durchaus nicht. Denn wenn wir den jüdischen Lehrern nicht zutrauen, daß sie unsere Kinder in den Realien, in den Landessprachen, in Kalligraphie, Zeichnen u. s. w. gut unterrichten würden — und dies beweisen wir ja, indem wir die Kinder in die christliche Schule schicken — wie können wir dann noch von jenen Lehrern erwarten, daß sie in Religionslehre, jüdischer Geschichte, Bibel, hebräischer Grammatik u. s. w. Gründliches zu leisten vermöchten? — Unserer Notiz über M. Rußak in Gnesen in un« serm Berichte vom gestrigen Datum haben wir noch nachzutragen, daß Herr Rußak jetzt seit 0 Jahren Stadtrath und vorher schon viele Jahre Stadtverordneter in Gnesen gewesen. Außerdem sei von Gnesen noch bemerkt, daß der Protest der dasigen Corporationsbehörden gegen den vom Schulvorstande gefaßten Beschluß, „die Gehälter der jüdischen Lehrer angemessen zu erhöhen", Seitens der Königl. Regierung zu Brombcrg verworfen resp. der Schulvorstandsbeschluß genehmigt und die Ausführung desselben der Gemeindeverwaltung anbefohlen worden. Es gab vielleicht noch nie eine Zeit, wo in hiesiger Provinz so viele Rabbiner-, Lehrer- und Cantorstellen zugleich vacant waren, als dies jetzt der Fall ist. Sehen auch manche dieser Stellen der baldigen Wiederbesetzung entgegen, so werden doch die meisten hierauf wohl noch längere Zeit warten müssen. Die Jugend, die hierunter leidet, ist gewiß am mehrsten zu bedauern. — Oesterreichischer Kaiserstaat. Saatz, im Mai. Rach den Angaben österreichischer Blätter ist daö bürgermeisterliche BerbannungS-