Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 21 (1857)
- Issue
- Heft 20 (11.5.1857)
- Date
- 1857-05-11
- Page
- Seite 266 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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266 London, 1. Mai. Die Iu-enfrage in England. ES dürste sicher von Interesse sein, zu erfahren, daß der Court of alderman and common council, d. h. der Magistrat der City, in seiner gestrigen Sitzung einstimmig beschlossen hat, dem neuversammelten Parlamente eine Petition um Zulassung der Juden zu allen bürgerlichen und politischen Rechten einzureichen. Hoffen wir, daß diese wichtige Frage recht bald ihre erfreuliche Lösung finde und das letzte Bollwerk eines mittelalterlichen Fanatismus, der ohnehin seine Eristenz nur einer bloßen Zufälligkeit verdankt, endlich einmal dem gesunden Sinne eines freien und aufgeklärten Volkes weiche. Jedenfalls deutet Vieles darauf hin, daß diese Frage im neuen Parlamente eine energische Unterstützung finden wird, und jeder Tag bringt neue Beweise, wie entschieden sich die Volksstimme zu Gunsten der Juden ausspricht. Während z. B. noch vor ungefähr zwei Jahren ein großer Theil der Citywähler in Rothschild drang, seinen Parlamentssitz im Interesse einer vollständigeren Vertretung der City niederzulegen, wurde diese Rücksicht bei den jüngsten Wahlen von keiner Seite geltend gemacht, und Rothschild wurde mit großer Majorität wieder gewählt, nicht obgleich, sondern lediglich weil er Jude, und als solcher der Repräsentant eines großen Principes ist. Auch Alderman Salomons, der sich, beiläufig gesagt, als Lordmayor die allgemeinste Anerkennung errungen, wäre ohne allen Zweifel in Greenwich erwählt worden, wenn er die Wahl nicht aufs Entschiedenste abgelehnt hätte, um die liberale Partei nicht unnöthiger Weise zu schwächen. Die Presse hat fast ohne Ausnahme für die Wiederwahl Rothschilds gewirkt und die Blätter aller Parteien vereinigen sich, die Zulassung der Juden ins Parlament als eine der dringendsten Angelegenheiten zu bezeichnen, mit der sich die Legislatur zu beschäftigen habe. Ja, selbst die in voriger Woche stattgefundene Jahresversammlung der Missionsgesellschaft sprach die Hoffnung aus, die Juden recht bald im Vollgenuß aller bürgerlichen und politischen Rechte zu sehen. — Alle diese Andeutungen zeigen klar, daß diese Angelegenheit schon längst aufgehört hat Principienfrage zu sein. Die dem Engländer eigenthümliche Achtung bestehender Einrichtungen und die Scheu vor Neuerungen, die das Oberhaus schon aus einem Triebe der Selbsterhaltung möglichst zu nähren und aufrecht zu erhalten sucht, haben bis jetzt eine Entscheidung zu Gunsten der Juden verhindert. Mir der Auflösung des alten und dem Zusammentreten deS neuen Parlamentjedoch ist diese Angelegenheit in ein anderes Stadium getreten, und so wenig sie auch die Interessen des Volkes im Allgemeinen berührt, so ist sie dennoch jetzt in den Kreis der brennenden Fragen eingetreten, schon deshalb, weil hier der bestimmt ausgesprochene Volkswille auf den hartnäckigsten Widerstand von Seiten der bevorzugten Classe stößt. Die liberale Partei im Hause der Gemeinen hat sich bedeutend verstärkt, der Ruf nach Reform ist lauter und allgemeiner geworden, und will sich das Ministerium in der Volksgunst behaupten, so muß eS die Initiative ergreifen und dem jungen Parlamente eine Reihe von Gesetzesvorschlägen vorlegen, unter denen einer über die Judenfrage gewiß eine hervorragende Stelle einnehmen wird. — Es darf nicht übersehen werden, daß auch im Oberhause die judenfeindliche Partei schwächer geworden ist. Die Erhebung deS vorigen Sprechers zur Pairswürde und die Wahl eines neuen Bishop of London haben der jüdischen Sache zwei bedeutende und einsiußreiche Fürsprecher gewonnen. Gestern wurde das neue Parlament eröffnet und die Wahl eines Speakers vorgenommen; da die Beeidigung der Mitglieder erst später stattsindet, so war auch Baron Rothschild anwesend, der bei seinem Erscheinen von allen Seiten des Hauses durch lebhaften Zuruf begrüßt wurde. Noch ein Curiosum. — In der hiesigen Fondsbörse besteht ein Verein zur Unterstützung verarmter Mitglieder, dessen gegenwärtiger Präsident Herr Louis Cohen ist. Das jährliche Zweckessen zum Besten dieses Vereins fand vorige Woche statt, und waren die Speisen nach jüdischem Ritus zubereitet, damit auch die jüdischen Mitglieder daran Theil nehmen konnten. James Rahn. Literarischer Wochenbericht. v'Hr-m. Die Psalmen. Enthaltend: den hebräischen Tert, die deutsche Uebertragung, die allgemeine, ausführliche Erläuterung mit 50 englischen Holzschnitten, nebst Einleitung zu den Psalmen. Herausgegeben von v. $ttfc wig Philippson. Besondere Ausgabe aus v. Philippson's Gesammtausgabe der Bibel. Leipzig, Baumgärtners Buchhandlung, 1857. 47 Bogen 4°. — Wir geben hier das V orw ort, mit welchem wir diese besondere Ausgabe unserer Psalmenbearbeitung begleitet haben. „Wenn der Umstand, daß unsere Gesammtausgabe der