Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 21 (1857)
- Issue
- Heft 20 (11.5.1857)
- Date
- 1857-05-11
- Page
- Seite 264 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3226039-3226060--16097-3244931- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
264 scheinlich auf lange Zeit, das Land der Inquisition, der Räuberbanden und der Armuth geworden. Einen glänzenden Weg hingegen verfolgt die Türkei. Schon 1840 wurde durch dm Hattischerif von Gulhane der Grundsatz der Duldung proelamirt, im vorigen Jahre durch den Hat von Hayum der Grundsatz der Gleichberechtigung sanctionirt. Die Einreihung der Rajahs in die türkische Armee, eine Einreihung, die namentlich durch die türkischen Juden eifrig benutzt wird, ist der wesentlichste Schritt, um diese Gleichberechtigung zur Thatsache zu gestalten. — Werfen wir nun nsch einen Blick auf daß unermeßliche Czarenreich. Die verflossenen zwei Jahrzehende waren eine wahrhafte Prüfungszeit für die Millionen unsres Glaubens in diesem Reiche. Die außerordentlich humanen Absichten, welche im Anfänge deS gedachten Zeitraumes vorherrschten, verkehrten sich bald darauf in das gerade Gegenrheil, bis sie unter der Regierung Aleranders II. wieder zur Herrschaft gekommen sind, und bereits die hauptsächlichsten Momente schwerer Bedrückung beseitigt haben. So bewährt sich auch hier, daß es nur der Ausdauer bedarf, um Gerechtigkeit und Humanität siegen zu sehen. — Wir wissen wohl, daß das Gesetz nicht Alles ist, daß eS aber dennoch im Allgemeinen die Verhältnisse ordnet und beherrscht, und jedenfalls der Ausfluß deS öffentlichen Geistes ist, mag dieser nun in den Detailsbestimmungen mehr oder weniger unbefriedigt bleiben. Von diesem Standpunkte auS bietet gewiß die Skizze, die wir aus dem für das Ganze doch nur kurzen Zeiträume hier entworfen haben, in der That die überraschendste Gruppirung concretester Thatsachen dar. Indessen hat die sociale Stellung der Juden noch zwei andere Seiten, die wir in unsrem Gemälde nicht übergehen dürfen, die eine die gewerbliche, die andere die gesellschaftliche. Die geschichtlichen Verhältnisse unsrer Glaubensgenossenschaft, welche deren Glieder zu einer ausschließlichen Beschäftigung mit dem Handel gezwungen hatten, sind bekannt. Es mußte daher vor und mit dem Aufhören der gewerblichen Beschränkungen das Streben eintreten, sich in dieser Beziehung mit allen gewerblichen Berufsgeschäften zu amalgamiren. So entstanden an vielen Orten Nnterstützungsvereine für jüdische Künstler, Handwerker und Ack rbauer. Die statistischen Tabellen zeigen an den meisten Orten eine desfallfige günstige Veränderung; alle gewerblichen Ausstellungen bringen ausgezeichnete Erzeugnisse jüdischer Fabrikanten, Handwerker und Künstler. Allerdings findet dies nicht an allen Plätzen in gleicher Weise statt, in vielen Ländern bleibt noch Vieles zu wünschen übrig. Aber wenn die Resultate nicht überall gänzlich befriedigen, so vergesse man nicht, daß gerade in materieller Beziehung die Folgen einer 1500jährigen Ausschließung sich in wenigen Jahrzehenden nicht verwischen lassen, daß Vorurtheil und Ausschliefiungssucht sehr häufig den jüdischen Handwerker zwingen, sein Gewerk wieder zu verlassen, und daß der allgemeine Geist unsrer Zeit so vorzugsweise ein merkantilischer ist, daß man sich nicht wundern darf, wenn die Nachkommen eines auf Handel und Trödel beschränkten Geschlechts vom kaufmännischen Wesen nicht alsbald sich trennen. Einen Umstand wollen wir hier aber nicht gänzlich übergehen, den Umstand, daß unter den großen sogenannten Industriellen, Finanziers und BanquierS sich eine bedeutende Zahl Juden finden. Es ist hier nicht der Ort, den national-ökonomischen Werth oder Unwerth dieser Claffe, ihrer Richtung und Wirkungen zu untersuchen — aber das können wir sagen, daß der gedachte Umstand für Judenthum und Judenheit ein beklagenswerthes Unglück ist. Denn während, mit wenigen Ausnahmen, diese Männer mit ihren Frauen und Töchtern nur dem Namen nach Juden sind, und daher in der Regel die zweite oder dritte Generation auch dem Namen nach Juden zu sein aufhört; während ihre ungeheuren Geldmittel verhältnißmäßig nur sehr spärlich und nur localiter den jüdischen Gemeinden zu Nutzen kommen — denn man nenne doch nur irgend ein allgemein nützliches Institut des Judenthums, welches diesen Geldmännern eine wesentliche Förderung zu verdanken hätte — während sie also mit wenigen ehrenwerthen Ausnahmen nur todte Reiser am Stamme Judas find, ziehen sie den Neid und die Eifersucht der Andersglaubenden auf uns; mit einer leicht erklärlichen Verwechslung vertheilt man die Reichthümer dieser Einzelnen auf alle Juden, und setzt uns so den gefährlichsten Anschuldigungen und Gehässigkeiten aus. Diese Zeitung hat während ihres ganzen Bestandes nie unterlassen und aufgehört, hiergegen zu protestiren — aber in der Regel erfolglos; denn wo man. nach Motiven für Gehässigkeiten hascht, bleibt auch der nachdrücklichste Gegenbeweis unbeachtet. In gesellschaftlicher Hinsicht endlich haben die verflossenen zwei Jahrzehende wesentliche Klärung gebracht. Wir wissen sehr gut, daß die seit 1850 so thätige Reaktion auch in der Gesellschaft nicht ohne Wirkung geblieben, und hierunter die gesellschaftlichen Beziehungen der Juden zu Andersglaubenden, welche in den Vierziger Jahren so schnell Fortschritt gemacht, vielfach gelitten haben. Allein was wir mit dem oben gewählten Worte „Klä-