Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 21 (1857)
- Issue
- Heft 20 (11.5.1857)
- Date
- 1857-05-11
- Page
- Seite 262 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3226039-3226060--16095-3244929- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
SKS fluß aller unsrer Erfahrung. Daß plötzliche und gewaltige Sprünge der Menschheit weder helfen noch nützen, haben gerade große Ereignisse des vergangenen Zeitraums gelehrtdaß aber zeitweise Rückschritte in dauernder Weise den Fortschritt nicht hemmen, den Verlauf der Entwickelung nicht abschneiden, dafür liegen die Beweise nicht weniger bestimmt vor unS. Die Tendenz unsrer Zeitung war niemals politisch, sie war vielmehr social-religiös. Nicht politisch, denn die Glaubensfreiheit, welche wir anstrebten, ist kein politisches Moment; sie ist im Grunde eben so dem Orthodoresten wie dem Freidenkendsten, dem Konservativsten wie dem Radikalsten das höchste Bedürfniß, und wir haben oft genug die Ersteren mit nicht minderer Heftigkeit als die Anderen sie fordern, in nicht geringerer Noth ihrer bedürfen sehen. Es giebt auch keine Staatsverfassung, vom Despotismus bis zur freiesten Republik, welche im Laufe der Geschichte die Religionsfreiheit zeitweisenichtbewilligtund versagthätte) es war die Republik Athen, welche Anaragoras verbannte und Sokrates den Giftbecher reichte, und der absolute Herrscher Friedrich II., der die Gewissensfreiheit zum Princip seiner Regierung machte. Die gleichen bürgerlichen Rechte für die Bekenner des Zudenthums erstreben, ist keine politische Tendenz) es befaßt nur die Stellung einer Religionsgemeinde in der Gesellschaft; es ist ein sociales Moment. Uebergehen wir daher die außerordentlichen, aber zum großen Theile völlig illusorischen Vorgänge in den Jahren 48 und 49, fassen wir nur den Anfangspunkt dieser Zeitung und die gegenwärtige Zeit ins Auge, so sind die Fortschritte, welche für uns in socialer Beziehung geschehen sind, außerordentlich. In Frankreich hatte kurz vorher die Staatsveränderung die Gleichstellung der Culte auch in ihrem letzten Momente verwirklicht, indem der Staat die Erhaltung auch des israelitischen Cultus aus Staatsmitteln übernahm. Seitdem hat das französische Budget fortschreitend die Bedürfnisse des israelitischen Cultus in immer größerem Umfange befriedigt. Die Unparteilichkeit, mit welcher der Staat die Befähigten zu den höchsten Aemtern fördert, die Verdienten mit den höchsten Würden lohnt, ist seitdem in Frankreich unter allen Regimes eine vollständige gewesen, und andrerseits hat bei der geringen Anzahl der französischen Israeliten eine verhältnißmäßg sehr große Zahl der letzteren in allen Lebensverhältnissen sich ausgezeichnet. Man hat drei Juden als Minister Frankreichs gesehen, das Institut Frankreichs, die Barre und die Tribunäle, der Lehrstand wie die Armee haben verdiente Juden in ihren Reihen gesehen. Aehnliches können wir von Belgien und Holland sagen. — Als wir mit dieser Zeitung die jüdische Presse eröffneten, war es eben als etwas Außerordentliches geschehen, daß in London ein Jude zum Sheriff erwählt worden. Es war damit die Frage entschieden, daß die einzige Beschränkung für die Juden in England die Ausschließung aus dem Parlamente sei. Seitdem ist nicht nur derselbe Israelit zum Alderman und Lord-Mayor der City promovirt, mehrere Israeliten baronistrt worden, sondern sieben Mal hat sich die öffentliche Meinung und das Unterhaus dafür ausgesprochen, daß auch jene Ausschließung aufhören solle — die öffentliche Meinung, indem wirklich zwei Juden, der eine drei Mal, ins Unterhaus gewählt wurden, und zahllose Petitionen an das Parlament gingen, das Unterhaus durch seine Vota mit beträchtlichen Majoritäten — nur daß eine kleine Mehrheit des Oberhauses hartnäckig ihr Nein! zuruft. — Dänemark ist einer der wenigen Staaten, in welchen die im Jahre 48, nach vorausgegangenen vielfachen Rechtserweiterungen, die Gleichstellung für unsre Glaubensgenossen ausgesprochen und nicht wieder zurückgenommen, sondern immer mehr verwirklicht worden ist. Die dänischen Juden entgelten dies mit einem wahrhaft dänischen Patriotismus. Hat doch auch jüngst der dänische König die beiden Rabbinen Dänemarks mit dem Daneirog beehrt. — In Schweden ist die Volksmeinung noch außerordentlich gegen die kleine Anzahl schwedischer Israeliten eingenommen, obgleich gerade die beiden einzigen Gemeinden Schwedens (Stockholm und Gothenburg) sich in jeder Beziehung wahrhaft auszeichnen. Ein Versuch, durch königliche Machtvollkommenheit den Juden die Gleichberechtigung zu verleihen, scheiterte an der desfallstgen Aufregung des Pöbels. Dennoch haben sich die Rechtsverhältnisse wesentlich gebessert, und nur die Ausschließung von Staatsämtern ist es, worüber sich die Gewissensfreiheit zu beklagen hätte. — Interessant war der Kampf, welcher in dem sonst so freisinnigen Norwegen um den Artikel II. der Verfassung sich entspann, welcher alle nicht protestantischen Confesstonen von den Grenzen nicht nur fern hielt, sondern jeden Nichtprotestanten, der einen Fuß auf norwegischen Boden setzte, und wäre es selbst durch Unglücksfall, schwerer Gefängnißstrafe unterwarf. Da zur Aenderung einer Verfassungsbestimmung die Zweidrittelmajoritat des Storthing erforderlich ist, so hatte die Partei des Rechts, welche jenen engherzigen Paragraphen streichen wollte, lange Zeit einen harten Stand. Aber er siel) fiel nicht blos für die Katholiken, sondern auch für die Juden, obschon wir nicht gehört haben, daß