Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 21 (1857)
- Issue
- Heft 19 (4.5.1857)
- Date
- 1857-05-04
- Page
- Seite 253 (sequence 7)
- Language
- German
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253 M Zuchthausstrafen von fünf bis sechs Jahren verurtheilt. Der Tod der durch die Angst zum Selbstmord gehetzten Frau liegt den Verurtheilten schwer auf dem Gewissen. — Unser jüngster Bericht hat in Ulm böses Blut beim Vorstande, gemacht. Wir, haben unfern Gewährsmann falsch verstanden; nicht nach der Wahl des Lehrers, sondern nach der des Vorstandes selbst, mehrere Monate vor der Lehrerswahl, sind zwei Mitglieder des Vorstandes und der Kirchenpfleger aus dem Leseverein geschieden, nur ein Vorsteher ist dabei auögeharrt. Gerade vom Vorstande einer israelitischen Gemeinde darf erwartet werden, daß er durch persönliche Theilnahme solche gemeinnützige Institute fördert und wünschten wir allen israelitischen Gemeinden so gute Lesecabinete, wie der Ulincr israelitische Leseverein eines besitzt. Besonders die Schriften des Literatur-Vereins werden emsig gelesen. — Unser Vorwurf, daß der Schule und ihrem Locale zu wenig Rücksicht getragen wird, war begründet, denn eben geht die Gemeinde damit um, passende Localitäten zu erwerben. Immerhin aber bleibt es nach unsrer religiösen und pädagogischen Anschauung unverantwortlich, wenn große israelitische Gemeinden nicht für Gründung eigener Volksschulen sorgen. Jedenfalls könnten bis zum „zehnten" Lebensjahre die israelitischen Kinder gemeinschaftlich in Elementarschulen unterrichtet und dann erst höheren Lehranstalten übergeben werden. Dann würde doch das jüdisch-religiöse Bewußtsein geweckt und könnte in der separaten Religionsschule fortgepflegt werden. Unsere Glaubensgenossen in den württembergischen Städten schicken ihre Kinder in christliche Kleinkinder- und Elementarschulen, wo die zarte Kinderseele Eindrücke empfängt, die mit dem späteren religiösen Bewußtsein in strengem Widerspruche stehen und die häusliche Erziehung bietet wenig speciftsch Jüdisches mehr. Allerdings, entgegnen die Kosmopoliten, der Jude soll sich amalgamiren, sich gcrmanisiren, darum werde das Kind schon früh in christliche Schulen gesteckt. Mit solchen Farblosen haben wir nicht zu rechten, das ist die wohlfeile Toleranz des JndifferentiSmus, der nur im Zeitgeist seinen Gott und höher» Richter hat. — Der löbliche Vorstand in Ulm möge sich beruhigen, wir haben es nie mit Persönlichkeiten, sondern mit der geheiligten Sache des JudenthumS zu thun und wem diese am Herzen liegt, mit dem sind wir einig. — In Stuttgart ist eine Sammlung Gedichte, Palmblätter, von dem beliebten Prediger Carl Gerock erschienen, die auch, trotz ihrer christlichen Tendenz, manchen jüdischen Leser ansprechen dürften. Die Sammlung enthält: heilige Worte, heilige Orte, heilige Berge, heilige Wasser k. Das Gedicht „an den Bächen Babylons" ist besonders ein Zeugniß hochpoetischer Auffassung und von meisterhafter Formvollendung. Darmstadt, 22. April. Eine Anzahl wohlhabender Israeliten hat sich zur Gründung eines israelitischen Lehrerseminars innerhalb unserer Provinz Slarkenburg vereinigt. Durch Erziehung tüchtiger Lehrer soll auf eine tüchtige Bildung der israelitischen Jugend nachhaltig eingewirkt werden. Auch Turnlehrer sollen herangezogen werden, um auf körperliche Ausbildung gedeihlich hinzuwirkcn. Der Verein hat einstweilen auf sechs Jahre eine jährliche Rente von gegen 1500 Fl. zur Verfügung gestellt. Ein Lehrgeld soll einen weiteren Zuschuß gewähren, auf welchen zu rechnen ist, indem sich bereits 70 Schüler gemeldet haben. Eine Zeichnung von Aktien für eine zu erwerbende Localität ist eingeleitet. Bis jetzt ist das nahe ansehnliche Dorf Pfungstadt ins Auge gefaßt worden, da dort Häuser mit umfänglichen Gärten billig zu aquiriren sind. Von der untern Weser, im April. (Eingesendet.) ES ist mir, und vielleicht noch manchem Leser, nicht ganz klar geworden, waS Ihr wackerer Correspondent vom Ostscrstranbe (No. 16. d. Bl.) unter der Halacha versteht. Bei dem Interesse, das der Gegenstand unstreitig hat, mag es gestaltet sein, nochmals darauf zurückzukommen. Habe ich ihn recht verstanden, so ist er der Ansicht, Halacha sei nicht die stricte, nackte Stipulation, nicht die einmal fest umgrenzte Bestimmung, die keine Appellation zuläßt, sondern sei das Ergebniß eines geistigen, bei jedem Einzelsalle sich wiederholenden Prozesses, bei welchem die geschichtliche Entwickelung und das bewegte, bewegliche Leben Potenzen sind und auch ein Wort, wenn auch nicht das allein entscheidende, mitzureden habe; sie schließe das Judicium nicht aus, sondern wolle ihm nur Norm und festen Anhalt geben. — Wenn dies seine Ansicht, so stehen wir auf demselben Boden, denn auch mir ist die Halacha in ihren kiefern Momenten das aufgerichtete Bollwerk gegen Willkür und Subjcctivismus