Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 21 (1857)
- Issue
- Heft 19 (4.5.1857)
- Date
- 1857-05-04
- Page
- Seite 251 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Fluch?*) Daß die Juden k^in gemeinsames Vaterland haben, versteht sich von selbst. Es giebt allerdings, um in die Redeweise des Herrn W. einzugehen, preußische, polnische, russtsche Juden — ganz in dem Sinne, wie es preußische, polnische, russtsche Katholiken giebt. Seit dem Verluste ihres zweimaligen Staatslebens verbindet die Juden nur noch ein gemeinschaftliches Glaubensband, aber kein gemeinsamer irdischer Boden mehr. Der Staat, welcher ihnen für ihre geleisteten Pflichten die entsprechenden Rechte gewährt, ist ihre wahre Heimath, deren Bestes sie nach den Worten des Propheten Jeremias (29, 7.) suchen und für die sie. zum Herrn beten sollen. Oder hält vielleicht die Naivetät des Pfarrers W. das Wort „Juden" gleichbedeutend mit „Judäern"? — Doch wir kommen zu der gehässigsten Behauptung: „Der Jude hat wohl Geld, aber keine Ehre." Wir fürchten, daß auch hier eine grobe Begriffsverwirrung herrscht, daß Herr W. in Ehren fein mit Ehre haben, daß er äußere Ehre mit innerem Werthe verwechselt. Freilich hat der Jude noch nicht überall gleiche bürgerliche und politische Ehre wie der Christ, daß er aber nicht gleich ehrenwerth ist, kann nur die frechste Verleumdung behaupten. Oder waren jene 55 jüdischen Officiere von der preußischen Landwehr, welche bei Waterloo geblieben sind, weniger ehrenwerth als ihre christlichen Kameraden? Kennt Herr W. gar keine ehrenwerthen jüdischen Gelehrten, Kaufleute, Künstler und Handwerker? Sind etwa die Christen im türkischen Reiche, welche noch nicht gleiche Staatsämter mit den Muselmännern bekleiden, ehrlose Unterthanen? Nicht doch! Das ist lediglich Begriffsverwirrung. „Schließlich glauben wir eine geistige Verwandtschaft wahrzunehmen zwischen den Ansichten des geehrten Herrn Pfarrers und der neuesten Schrift des Abgeordneten Wagener (Das Judenthum und der Staat, Berlin 1857), die wir gelegentlich einmal in diesen Blättern besprechen werden, und bitten jenen Geistlichen nur noch, bei seinen künftigen Predigten doch ja zu bedenken, daß seit dem Tode Christi schon mehr als 1800 Jahre verflossen sind. Warum *) Wir fügen dem die Frage hinzu: Rechnet man es den jetzigen Griechen zu und sucht es sie entgelten zu lassen, daß ihre Vorfahren vor 2300 Jahren dem weisen Sokrates den Schierlingsbecher reichten? hat man jemals das ältere und spätere Griechenland, ja nur Athen allein um diese That einer fanatischen Schaar gebrandmarkt? wo ist eine Nation, alter oder neuer Zeit, die nicht irgend einen ähnlichen Vorgang in die Annalen ihrer Geschichte zu verzeichnen gehabt? Die Redaction. sollen die Juden, welche schon damals eine Weltliteratur besaßen, nicht eben so bildungs- und entwickelungsfähig sein, als die guten Germanen, welche zu damaliger Zeit noch roh und wild im Lande umherirrten? —" Magdeburg, 24. April. Verhandlungen im preußischen Hause der Abgeordneten. Die öffentlichen Blätter berichten aus der Sitzung am 23. April Folgendes, was wir hier wörtlich wiedergeben: „Es folgen einige den Cultus betreffende Petitionen, vorab die des Rabbinatsverwesers Simon Lewy zu Friedeberg in der Neumark, der eine Mitwirkung des Staats bei Anstellung und Entlassung der jüdischen Cultusbeamten, und eine Verpflichtung der Synagogengemeinde zur Anstellung von Religionslehrern so wie den Religionsunterrichtszwang für alle jüdischen.Kinder wünscht. — Die Commission hält das zwar für sehr ehrenwerth, glaubt aber, daß „auch ohne polizeilichen Zwang das Licht der christlichen Wahrheiten sich immer weitere Bahn brechen und somit auch Diejenigen, die der christlichen Religion nicht angehören, nöthigen werde, ihr inneres Leben, ihr Denken und Wollen nach den höheren christlichen Gesetzen des Rechts und der Sitte einzurichten" und geht deshalb zur Tagesordnung. Wagener empfiehlt Ueberweisung an das Ministerium zur Berücksichtigung, um zu verhüten, daß sich das Judenthum nicht in freie Gemeinden auflöse, die wahrhaft conservativen Interessen verlangten die Auftechthalrung des orthodoren Judenthums. — Lette wünscht vielmehr, daß man weder im Judennoch im Christenthum polizeiliche Triebfedern zur Religiosität in Bewegung setze.— Reichensperger empfiehlt, ebenfalls die Tagesordnung. Die Arznei, die hier vorgeschlagen, werde schlimmer sein als das Uebel. Ihm graue vorder Zeit, wo Alles gesetzlich geregelt sein werde, vor der Ordnung und Leblosigkeit des Herbariums. Die Freigeisterei, die — wohl gemerkt — in den höchsten Schichten ihren Anfang genommen, könne durch Polizei nicht gehemmt werden, die heilsame Reaction müsse von innen heraus wirken, wie ja auch Napoleon I. dem Sanhedrin überwiesen, was dessen Amtes gewesen. — Der Kultusminister. Die Regierung könne den Judenverhältnissen gegenüber nicht passiv bleiben, die Gesetzgebung selbst stelle sie in ein bestimmtes Verhältniß zu den jüdischen Gemeinden. Dennoch empfehle er im vorliegenden Falle den Com-