Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1857-05-04 · Heft 19 (4.5.1857) · p. Seite 250

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
21 (1857)
Issue
Heft 19 (4.5.1857)
Date
1857-05-04
Page
Seite 250 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3226039-3226059--16082-3244915
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

250 eine Secte, die mit ihren Apostaten auf so freundlichem Fuße sieht wie wir? Sind wir nicht jeden Augenblick bereit, die Verdienste unsrer bittersten Feinde, z. B. der höchst sittlichen Redacteure der „Grenzboten", anzuerkennen, obgleich diese fast nie eine Gelegenheit versäumen, uns einen Stich beizubringen? Aber wenn sich Jemand, ein Mensch wie ich, ein Staatsgenoffe wie ich, mir gegenüber setzt und mir sagt: Deine Kinder, die hier an Deinem Tische fitzen, deren humaner und intellectueller Entwickelung Du Deine besten Kräfte widmest, sie sind schädliches Ungeziefer und jede ehrenvolle und sorgenlose Stellung im Staate soll ihnen verschlossen bleiben, kommen sie ja in meine oder meiner Frauen Gesellschaft, so muß man sie hinauswerfen; Deine Eltern, Deine Lehrer waren boshafte, gemeinschädliche Wesen, die eine fahrlässige Polizei nur durch ein Versehen hat zulassen können; Deine Verwandten, Deine Freunde sind nichts als lebendige Carricaturen, werth, nach der augenblicklichen Belustigung, die sie uns gewähren, ins Feuer geworfen zu werden.-Wenn man mir dergleichen sagt, und dann noch hinzufügt: sieh, so rächt sich an Dir die Erclustvität, die von Deinen Vätern ausging, weil sie hochmüthig genug waren, zu dictiren „ein Gesetz für den Fremden wie für den Einheimischen" zu einer Zeit, als meine Vorfahren in gemüthlicher Demuth entweder den Fremden schlachteten oder ihn in Weidengestechten verbrannten — ja dann freilich ist es Zeit, daß der große Kunstrichter, der alle Dramen nach dem Maßstabe ihrer Sittlichkeit mißt, mir den Rath gebe, „in ausdauernder gelassener Thätigkeit" seine moralische Heilung abzuwarten. Wozu nun aber diese ganze Erpectoration? Um Herrn Professor Julian Schmidt zu erklären, daß, obgleich er sich uns gegenüber auf dem Standpunkte der stockblindesten Brutalität befindet, wir unsrerseits doch nicht so blind sind, um gegen sein vortreffliches Werk und seine sonstigen Arbeiten im mindesten ungerecht zu sein. „So rächt der Jude sich", schließen wir, ohne auf einen „Operneffect", diesem schrecklichsten der Schrecken, loszuarbeiten. Königsberg in Preußen, 23. April. Allerdings haben Sie recht, wenn Sie die jüngsten abscheulichen Vorgänge in unsrer Provinz nicht als isolirte Thatsachen, sondern im Zusammenhänge mit dem Fanatismus betrachten, der jetzt immer wiederholt Haß und Verfolgungssucht in das Herz der Volksmacht zu werfen sich bemüht. Während vor einigen Jahren dieser Fanatismus in den westlichen Provinzen unsres schönen Vaterlandes erfolglos sprühete, sucht er gegenwärtig in Altpreußen seine Standarten aufzupflanzen. Hoffen wir, daß die scheußliche Weise, in welcher er sich hier sofort Luft gemacht, ihn in allen seinen grauenhaften Blößen darstellt und dadurch dem gesunden Sinne des Volkes über ihn und seine Ziele Licht schafft. Daß dem also ist, ersehen Sie aus folgender Correspondenz des „Königsberger Telegraph" No. 7.: „r. Die Lorbeeren von Guttstadt scheinen auch manchem andern fanatischen Kleinstädter den ruhigen Schlaf geraubt zu haben. So wird Herr Pfarrer Warschutzki zu Pr. Eylau in dem dort erscheinenden Wochenblatte aufgesordert, seine am 1. April gehaltene Predigt, voll der intolerantesten Auslassungen gegen Juden und Judenthum, der Oeffentlichkeit zu übergeben. Nicht nur die achtbare Jsraelitengemeinde jenes Städtchens, sondern auch der gebildete Theil seiner übrigen Bewohner soll im höchsten Grade darüber entrüstet sein, daß statt christlicher Liebe und Duldung, Haß und Verachtung Andersgläubiger von geweihter Stätte herab den Zuhörern ans Herz gelegt werde. „Wenn unser Gewährsmann richtig verstanden hat, so wurden folgende Worte von der Kanzel verkündigt: „Durch die Kreuzigung Christi haben sich die Juden einen ewigen Fluch zugezogen; sie sind ein geächtetes Volk und haben nirgend ein Vaterland; der Jude hat Geld, aber keine Ehre!" Wir müssen den Glaubenseifer des Hrn. Pfarrer W. bewundern und stimmen mit dem Pr. Eylauer Inserenten überein, daß die bloße Veröffentlichung dieser wenigen Sätze vollständig genügt, um ihnen die gebührende Würdigung zu Theil werden zu lassen. Wir unsrerseits erlauben uns aber doch in Kürze nachzuweisen, daß jene Aeußerungen nicht nur lieblos, sondern auch wahrheitswidrig find. „So viel wir aus der Geschichte wissen, starb Christus gegen das Regierungsende des Kaisers Tiberius und etwa 40 Jahre später wurde Jerusalem zerstört. Welcher Zusammenhang nun findet zwischen dem vom römischen Landpfleger Pontius Pilatus begangenen Justizmorde und dem vom römischen Oberfeldherrn Titus Flavius verübten Volksmorde statt? Hat das weltbeherrschende Rom nicht schon vor der Kreuzigung Christi den mächtigen Staaten von Carthago, Griechenland und Aegypten ein Ende gemacht? Oder ist der Untergang derselben auch ein ewiger

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.