Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 21 (1857)
- Issue
- Heft 19 (4.5.1857)
- Date
- 1857-05-04
- Page
- Seite 248 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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248 Und die allgemeine Geringschätzung des jüdischen Stammes als solcher, wo eristirt sie? Uns Juden ist nichts da-> von bekannt. Wir wissen blos, daß das Judenthum, um mit Heinrich Heine .zu reden, wie der Geist einer erschlagenen Mutter von der übermüthigen Tochter verfolgt wird. Wir wissen, daß Jeder von uns, Mann und Weib, augenblicklich gereinigt dasteht, sobald er sich taufen läßt, und wir fürchten uns gar nicht auszuplaudern, daß wir dies Bewußtsein als eine probate, schmerzenstillende und herzstärkende Arznei beständig bei uns führen. Wir wissen aber auch, daß jedes deutsche Graftnhaus sich durch eine Verbindung mit den französischen Herzogen Levis sehr gehoben fühlen würde! Oder hat etwa je ein Souverain eine Verschwägerung mit dem Hause Braganza verschmäht, weil es den Ruf eines jüdischen Ursprungs hat? Oder, um näher zu rücken, hat je Jemand dem seligen Neander den Mendel Götting, dem hochgestellten Stahl den Jsak Schlesinger nachgetragen? In Berlin und in Breslau allein find wohl 300 christliche Familien von jüdischer Race: fällt es irgend Jemandem ein, „die allgemeine Geringschätzung des Stammes" auf fie auszudehnen? Es ist schwer zu entscheiden, was unedler ist, ob Haß gegen ein Religionsbekenntniß, oder gegen einen Stamm; aber vorhanden ist, und auch bei Herrn Julian Schmidt vor Allem der erstere, der Religionshaß, obgleich der zweite weniger unzeitgemäß wäre und namentlich einem so grundschlechten Theologen, wie Herr Schmidt ist, besser geziemte. Aber zu welchem Zwecke in dem gehaltreichen Buche eine solche falsche Darstellung? Der geheime Zweck, mein Bester, der liegt wahrscheinlich anderswo. Es soll eine Art von Apologie des Auftretens von unsers Verfassers Kollegen, Herrn Gustav Freytag, gegen uns Juden in seinem fünf Mal aufgelegten Roman, Soll und Haben, gegeben werden. Beweis hiervon ist, daß Herr Professor Schmidt diesen auffälligen schmutzigen Punkt bei der Beurtheilung des genannten Romans völlig ignorirt hat. Indessen dürste diese brüderliche Bemühung ganz vergeblich sein, Herr Freytag hat nicht den einen oder den andern Juden als einen Teufel oder feigen Schurken dargestellt, sondern er hat die ganze deutsche Judenheit als eine diseiplinirte Körperschaft von Dieben, Gaunern und Fälschern geschildert, die zu vertilgen oder zu verjagen ein verdienstliches, eines neuen J)io3 lo voult würdiges Werk sein würde. Wir würden dies Streben ernsthaft übelgenommen haben, wenn nicht die vielen inepten Situatiou?n, in die er seine christlichen Helden versetzt sz. B. daß ein sehr reicher Kaufmann in Kriegszeiten Haus und Geschäft im Stiche läßt, um persönlich mit Lebensgefahr für zehntausend Thaler Wolle durch die VorpostKl zu bringen), seine Schilderungen im Ganzen zu dem bloßen Werthe pikanter Lazzis herabgedrüSt hätten, und somit alle seine Pfeile, als von faulem Holz gemacht, erscheinen. War nun die erste Stelle bei Schmidt blos kameradschaftlich tendenziös, so spricht aus der zweiten freilich das enümt ternble, — doch wir wollen ja nicht'von Herrn Julian Schmidts Herzen lernen. Sie steht ebenfalls im 3. Band am Schluß des Artikels Heine Seite 26, und lautet wie folgt: ,,Jm Zeitalter der Restauration war unter den Schriftstellern der Jude eineAusnahme; in dem geschäftlichen Zweige der Literatur, der Journalistik, bilden sie jetzt die ungeheure Mehrheit. Daher die Empfindsamkeit, wenn man auf das Judenthum zn sprechen kommt. Fast sieht es so aus, als seien die Juden noch immer das auserwählte Volk und durch ein Privilegium gegen die Angriffe geschützt, die sich jede andere Ration gefallen lassen muß. Gegen die Deutschen haben Börne, Heine und ihre Glaubensgenossen eine ganze Scala von Schimpfwörtern angewendet, von „Vedientenvolk" bis zum „Nachtstuhl", und gegen das Christenthum nicht minder; wagt man es aber, auf den ewigen Judenschmerz zu lästern, wagt man es zu bezweifeln, daß Shylock ein Märtyrer war, so ringt die gesammte Journalistik über den Mangel an Aufklärung und Toleranz die Hände. Tadelt man die Eigenthümlichkeiten der jüdischen Station, so ist dies ein Angriff auf die Glaubens- und Gewissensfreiheit; kritisirt man die religiösen Gebräuche, so ist das ein Hohn gegen ein Märtyrervolk. Der Grund dieser seltsamen Empfindsamkeit ist nicht das Rechtsgefühl, sondern vor Allem die Begeisterung für Heine und Börne. Die Juden sollten nicht vergessen, daß von ihnen die religiöse Exklusivität ansgegangen ist. So etwas rächt sich unausbleiblich, und die Unschuldigen müssen für die Sünden ihrer Väter büßen. Außerdem wird der religiöse Gegensatz mehr und mehr ausgeglichen; die politische Emancipation der Juden, d. h. ihre rechtliche Gleichstellung mit den christlichen Staatsbürgern und die Aufhebung der Beschränkungen, die sie vom Eintritt in eine beliebige Laufbahn abhielten, ist zwar nicht völlig durchgesetzt: aber es sind doch überall Schritte dafür gethan, und nur werden voraussichtlich darin immer weitet kommen. Es bleibt nur noch das sehr begreifliche gesellschaftliche Vorurtheil. Die Classe, mit der man im Leben am vielfältigsten verkehrt, die Trödler, die Hausirer, die Schacherjuden, prägt der Phantasie ein bestimmtes Bild