Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1857-04-20 · Heft 17 (20.4.1857) · p. Seite 229

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
21 (1857)
Issue
Heft 17 (20.4.1857)
Date
1857-04-20
Page
Seite 229 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3224737-3226039-3226057--16057-3244888
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Mk;iri^ Worten Wsspricht, als Ms dem ganzen Geiste des Buches hervorleuchtet und sich gar vorteilhaft ausnimmt neben dem überhandyehmenven Dünkel und dem geringschätzigen Herabsehen auf Vorgänger und Gleichstrebende, ob einer oft gar unbedeutenden Berichtigung eines unbedeutenden Schnitzers, ob der Entdeckung eines Schnitzels, einer aus altem Schutt hervorgesuchten Notiz. Nur ganz obenhin werden wir noch erwähnen, daß es erfreulich ist, daß ein Arzt uns dieses Werk geliefert, dem man von vorn herein theologische Unbefangenheit zugestehen wird; der aber zugleich gezeigt hat, daß er nicht zu den ,;zwei Atheisten unter drei Aerzten" gehört, sondern in die Fußtapsen jener großen Fachgenoffen tritt, die zugleich tiefe Gottesgelehrte, begeisterte Dolmetscher und Vorkämpfer des Judenthums waren. . Wenden wir uns von der Person des Verf. zu seinem Werfe, so müssen wir es diesem vor Allem hoch anrechnen, daß es auf die medulla theologiae, auf die eigentlich theologischen Fragen eingeht. Mag anderswo die Philosophie im Allgemeinen und die Religionsphilosophie int Besondern außer Cours gekommen sein, mag man dort, mit Recht oder Unrecht, sich von der Speculativn bis zur Realität, von Gedankenfülle zum Raumsüllenden, von Kategorien und Abstractionen zum palpablen „Eracten" gewendet haben — wir Juden haben keineswegs Ursache, der Mode hierin zu folgen. Die Zahl der philosophischen, der eigentlich theologischen Werke ist in der neueren jüdischen Literatur doch noch gar zu gering, als daß wir ihrer satt haben könnten. Wir besitzen doch in der That, außer zwei hebräisch geschriebenen*), nur die beiden von Formstecher und Hirsch. Zu einem vergleichenden Einblicke in dieselben ist hier kein Raum, doch ist Herr Hirsch, wie es scheint, über sein System bereits selbst weit hinausgegangen und allgemach zu einer Dottrin gekommen, die weder mit Religion noch mit Judenthum etwas gemein hat. Die beiden einschlägigen, nach Gebühr anerkannten Werke des Herrn Redakteurs d. Bl. konnten ihrer Bestimmung gemäß auf streng Philosophisches nicht eingehen, obgleich sie bis an die Grenze des Möglichen in Popularistrung jener Materien schreiten. So ist uns denn das Buch deS Herrn Steinheim *) Von Friedenth al und Krochmal. Das letztere hat im Gange der Untersuchung manche Berührungspunkte mit dem von Steinheim, übertrifft es auch an genauem Eingehen namentlich auf die neueren Philosopheme; das Resultat ist aber schließlich wenig positiv — in beiden Bedeutungen des Wortes. eine wohlthueyde Erscheinung gewesen^ höchst willkommen neben dem noch gar reichlich zum Vorschein kommenden seichten Tendenzgerede, nach (oder wieder neben?) hinlänglich breit getretenen Cultusfragen, neben duselnd - bombastischer Symbplistrerei, neben Katech-ismusfabrication mit und ohne Abschreiberei*) — neben Diesem und manch Anderem noch endlich einmal ein ernstes., tiefes, frisches, kräftiges Wort! Aber eine erfreuliche Erscheinung auch nehen -sonst reichhaltigen und unsrer Anerkennung nicht bedürftigen historischen Werken — sowohl der alten Schule, die freilich nimmex über Leiywandaufspannen und Farbenreiben hinauskommt, als der neueren, die sich ans Malen begiebt, statt der bestellten Porträts und Landschaften aber nur Studienköpfe und Blumenstücke mit vorherrschenden Lieblingsfarben oder ä deux crayons liefert—- und nun erst neben der neuesten, die frischweg die Skizzen und die Gemälde überpinselt, halb mit achtem Beinschwarz, halb mit Aureolengold; die jegliche geschichtliche Forschung damit abschneidet, daß sie das Ende an den Anfang setzt und mit der Frage: hat rfr aftf gemacht oder nicht? — steht und fällt. — Doch genug und übergenug zur Hervorhebung unseres Werkes! Wir würden auch so viel nicht gesagt haben, wenn wir nicht dem etwaigen Vorwurf der Lobhudelei schon zu begegnen gedächten. Nach all Dem müßten wir dringend wünschen, daß das Buch von allen gebildeten Juden gelesen würde. Aber wir wissen auch, daß das leider nicht geschehen wird! Gebildete Juden lesen Jüdisches nicht und. jüdische Philosophie gar nicht. Bei aller Klarheit und Durchsichtigkeit erfordert unser Buch aber etwas philosophisches Wissen und geschultes Denken. Man wird es gar bald aus der Hand legen! In der nachmendelssohn'schen Zeit dilettqyLirte der gebildete Jude vorzugsweise in Philosophie, sei es im Maimuni, sei es im Kant. Wir haben noch diesen und jenen „Geschäftsmann" gekannt, der sich tüchtig hineingearbeitet. Der Nachwuchs hat wichtigere Studien: te denn monde! Die Alten wollten sich mit dem Judenthum absinden — mag sein -— die Jungen haben das freilich nicht nöthig. Und wer Ernsteres will — Philosophie ist nicht modern, sondern Kraft und Stoff. So möchten wir denn in diesen Blättern einen kurzen Ueberblick der Steinheim'schen Forschungen geben, *) Beiläufig: was ist da zu verwundern? Hat die vorige Generation christliche Katechismen brevi manu abtzeschrieben, warum soll die zweite nicht das Ding mit jüdischen Prokuren? 17**

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.