Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 21 (1857)
- Issue
- Heft 16 (13.4.1857)
- Date
- 1857-04-13
- Page
- Seite 215 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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215 die Nationalversammlung 1789 die Fesseln der Juden in Frankreich um ihrer Liebenswürdigkeit willen zerbrochen? Sind wir norddeutsche Juden heute noch so verliebt in die elsässtschen? Gerade der Siöcle hat das Recht, auf unsere Untugenden hinzuweisen, weil er auch jederzeit bereit steht zu unserer Vertheidigung gegen den Fanatismus, weil er, wo von allgemeinen religiösen Verhältnissen die Rede, nie ermangelt, die Synagoge mit der Kirche und mit der Moschee als gleichberechtigt hinzustellen (kein einziges deutsches Blatt, kein einziges deutsches Lehrbuch thut das) und weil er seine unparteiische Geißel auch über nichtjüdische Menschheitsverderber schwingt. UebrigenS sollten wir aufhören uns zu wundern, wenn hie und da, in und außerhalb Deutschlands der religiöse Fanatismus ssch wieder erhebt. Wie? 40, 50 Jahre lang habt ihr nichts gethan als alle schroffen Scheidewände wieder herzustellen, und nun wundert ihr euch, wenn die Menschen von einander geschieden sind? Da ist kein verschollener Gebrauch, den ihr nicht in Prosa und in Poesie hocherhoben, kein alter Aberglaube, den ihr nicht aus dem Rumpelkasten geholt und auf ein brillantes Postament gestellt habt, da ist kein Pfaffentrug, vor dem ihr nicht mit präsentirtem Gewehr Spalier macht, da ist kein Erclusivismus, dem ihr nicht die Steigbügel gehalten, kein Nationaldünkel, den ihr nicht besungen, keine Dorfeigenthümlichkeit, die ihr nicht verherrlicht, kein lichtfeindlicher Erceß, den ihr nicht vom Standpunkte der Gemüthlichkeit entschuldigt, kein gouvernementaler Rückschritt, den ihr nicht beschwanzwedelt habt, und nun wundert ihr euch *), wenn derjenige Sturm erntet, der Wind ausgesäet hat? Aber dennoch nur getrost: Trotz alledem und alledem wird die Finsterniß nicht siegen. Ihr von der Mode begünstigtes Zunehmen kann nur vorübergehend dauern; denn diejenigen Freidenker, die jetzt damit beginnen, es gar nicht der Mühe werth zu achten, sich um irgend ein Religionswesen zu kümmern, werden genöthigt sein, in unsere Phalanr zurückzukehren und an dem fortwährenden Kampfe *) Wer sind die „ihr"? — Nun wahrlich, die jüdischen Gelehrten und Laien durchaus nicht weniger als die christlichen Romantiker und Archaisten. Corresp. Wir lassen den gesch. Corresp. seine scharfe Anklage aussprechen, und — wen es juckt, der kratze sich. Redact. Theil zu nehmen- Dann aber kann die Obmacht nicht zweifelhaft sein. In Brasilien will der katholische Klerus die Ehen der Protestanten nicht anerkennen. DaS führt zu der Frage, wie steht's denn mit dieser Angelegenheit bezüglich der Juden in Preußen unter dem gegenwärtigen Regime? Nehmen wir den Fall an, ein jüdisches, nach jetzigen Vorschriften copulirtes Ehepaar ginge zum Christenthum über: würden nicht orthodoxe Pastoren verlangen können, daß es sich noch einmal kirchlich müßte trauen lassen?*) Daß der jüdische Rabbinismus im umgekehrten Falle dies fordern würde, ist gewiß, da derselbe ja eigentlich gar keine Ehe, als eine jüdische, anerkennt. Eine andere Frage. In dem neuen Handelstractat zwischen Großbritannien und Marocco ist stipulirt, daß gerichtliche Streitigkeiten nach der Nationalität ihr Forum finden, nämlich bei Muselmännern vor dem Kadi, bei Briten vor dem Consul. Nun ist aber der bei weitem größere Theil des Verkehrs zwischen beiden Staaten in Judenhänden und die maroccanischen Juden sind nur gewohnt, sich vor ihrem Beth-Din zu stellen. Wie wird es nun im Fall eines britischen Juden contra einen maroccanischen Juden sein? Vermuthlich gerade wie in unserer Nachbarstadt Altona, wo jeder fremde Jude, er gehöre welcher Nation er wolle, gegen einen einheimischen nur vor dem Rabbiner klagen kann. Oesterreichischer Kaiserstaat. Temesvar, im März. (Privatmitth.) Der „österreichische Schulbote" bringt in No. II. d. I. eine Ueberstcht des israelitischen Volksschulwesens von Mähren und Schlesien vom Jahre 1855. Im Jahre 1855 bestanden in Schlesien 36 jüdische Volksschulen, darunter eine Hauptschule für Knaben, eine für Knaben und Mädchen, zwei Mädchenschulen und 32 Trivialschulen für beide Geschlechter. Industrieschulen waren fünf; die Unterrichtssprache war an 34 Schulen deutsch, in zweien deutsch und böhmisch. Schulpflichtige Wochenschüler beiderlei Geschlechts wurden 3900 gezählt, mithin um das Vorjahr 41 mehr. *) Das mag sein, aber der Staat macht in solchem Falle dergleichen Ansprüche gewiß nicht, da die bürgerlichen Folgen der früheren Trauung feststehen. Redact. 16