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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1857-04-13 · Heft 16 (13.4.1857) · p. Seite 209

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
21 (1857)
Issue
Heft 16 (13.4.1857)
Date
1857-04-13
Page
Seite 209 (sequence 3)
Language
German
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LVS Eherecht in der Anwendung auf Widersprüche stößt und zu. Härten führt", so kann das nur jetzt geschehen; in unsrer Zeit, in der das Judenthum mit Ideen, wie wir sie in der Einleitung dargelegt, leider schon beglückt ist; so kann das nur in solchen Kreisen geschehen, die nicht allein an Gelagen und Gastmahlen ihrer nichtjüdischen Brüder Gefallen finden, sondern auch an ihren Töchtern. Das jüdische Eherecht im jüdischen Volke, das jüdisch denkt und jüdisch fühlt und jüdisch lebt, kannte und kennt keine „Widersprüche", empfand und empfindet keine „Härten"; und sucht, wo nur irgend möglich, die Wittwe zu schützen und ihr sogar Vorrechte einzuräumen. Nur auf Einiges will ich aufmerksam machen. Welche Schwierigkeiten sind dem £ü, der Ehescheidung, in den Weg gelegt; wie verlieren sich die Bestimmungen hierüber im Unendlichen. Dieses Alles nur, um einerseits eine Scheidung zu erschweren, um die heiligen Bande der Ehe nicht leichtsinnig lösen zu können; und um andrerseits jeden Makel von den später geborenen Kindern zu entfernen und die Ehre der Familie unbefleckt zu erhalten. Ist der Act aber vollbracht, dann werden alle Einwendungen, die der Wiederverheirathung der Frau hinderlich sein könnten, zu beseitigen gesucht. Nichts war unsern crasn ja schrecklicher, als der Zustand einer Agunah; und um sie aus dieser Lage zu befreien, nahm man selbst das Zeugniß der Verwandten an, deren Aussage in andern Fällen kraftlos war. Oder kennt der geehrte Herr den Grundsatz, der so oft angeführt: küim* viuw, nicht? Nur gegew Katlanith sollte mit Grausamkeit und Härte verfahren sein? Sicherlich herrscht auch hier das Gesetz der Milde; sicherlich haben unsre Weisen, die den Menschen erforscht und erkannt und in allen Lagen des Lebens ihn beobachtet, sicherlich haben sie erkannt und hat die Erfahrung es bestätigt, daß einer solchen Ehe Unglück droht, mag es kommen von welcher Seite es will; um diesem vorzubeugen, verfährt die Halacha dem Anscheine nach mit Härte, die aber auf Milde fußt, so laut auch die Vernunft und das Herz Mancher dagegen Einsprache thut*). Wir kommen zum zweiten Fall, der in seiner Darstellung ziemlich unklar und vor Allem einer kleinen Berichtigung bedarf. Der Korrespondent ist entrüstet, daß „eine Proselytin, mit Groll und Bitterkeit über die harten Satzungen des Judenthums im Herzen, demselben zu- *) Der Herr Erwiedrer scheint uns aber nicht das Geringste mit allen Worten herangebracht zu haben. Er sagt „sicherlich war es die Milde", aber ein bloßes „sicherlich" ist noch kein Beweis. Redact. geführt ist"; die Entrüstung ist gerecht, wir billigen und theilen sie. Nur scheint der Herr vergessen oder nicht gewußt zu haben, daß nicht der orthodore Rabbiner das Mädchen in den Bund Israels ausgenommen, sondern ein weniger scrupulöser. Der orthodore Rabbiner verlangt von ihr, daß sie vor dem Uebertritt auf ihren Bräutigam resigniren soll; er belehrt sie, daß das jüdische Gesetz ihrem Bräutigam, einem Cohen, verbiete, sie zu ehelichen, sie demnach auf immer ihm entsagen müsse; daß der Uebertritt sie ihrem Ziele nicht nähere. Muß der orthodore Rabbiner verhindern, daß der Braut, wahrlich nicht von orthodorer Seite! die Aussicht eröffnet ist, ein „weniger scrupulöser" Rabbiner werde dennoch die Trauung vornehmen? Hat er endlich die Macht, „weniger skrupulösen" Rabbinern, die ein Verdienst fürs Judenthum in Proselytenmacherei suchen*), entgegenzutreten und ihnen dieses Gewerbe zu wehren? Wir müssen hier einfach die Rollen wechseln und alle Vorwürfe auf den weniger scrupulösen Rabbiner zurückwerfen. — Wir könnten Beweise anführen, mit welchem Leichtsinn (wir haben keinen andern Ausdruck dafür) in jüngster Zeit diese Proselytenmacherei**) betrieben; wie es oft nur ein einfacher Namenwechsel ist; wie das Leben der Convertirten nach wie vor gleich und unverändert geführt wird; aber wir wollen schweigen, überlassen Andern gern die Ausübung dieser Liebespflichten und halten den Grundsatz der Orthodorie fest, der sie rein und unvermischt erhalten: wwp NNQV2 bamirb tn-tt schädlich wie der Aussatz sind Proselyten dem Volk Israel. Mögen Andre sich so ergänzen und neues Mark und neue Säfte ihrem dürren Stamme zuführen! —***) Wenden wir uns zu unserm Correspondenien zurück und folgen wir ihm weiter in seinem Jdeengange. „Doch nicht davon (von der Ausnahme der Proselytin), sondern von dem halachischen Standpunkte selbst sollte die Rede *) Dies ist eine lügenhafte Beschuldigung — wir kennen keinen Rabbiner, der ein Verdienst in der Proselytenmacherei findet, und wissen selbst z. B. eine Menge Fälle, wo auch die Berliner Reformgemeinde Proselyten zurückgewiesen. Redact. . **) Wir protestiren einfür allemal gegen das Wort ^Wroselytenmacherei"! Proselytenmacherei heißt Proselyten suchen, nicht aber kann dieses Wort von Denen gebraucht werden, welche Proselyten annehmen, wenn sie immer und immer wieder ihr Verlangen stellen. Red. ***) Das find so abscheuliche Worte, daß wir sie nur deshalb nicht streichen, weil wir uns vorgesetzt, in diesem Artikel — keine Sylbe zu streichen! Redact. 16*

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