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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1857-04-13 · Heft 16 (13.4.1857) · p. Seite 208

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
21 (1857)
Issue
Heft 16 (13.4.1857)
Date
1857-04-13
Page
Seite 208 (sequence 2)
Language
German
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208 die Halacha zurückfallen. Dann ist"Schweigen Verrath an der guten Sache, dann ist die Zeit des Redens; — so ist es denn auch wohl der Mühe werth, auf den Artikel des Herrn — r näher einzugehen, die Halbheit und Hohlheit deffelben aufzudecken und die angeführten Thatsachen von einer andern Seite zu betrachten. — „Nicht die Edition einer alten Handschrift, nicht die Entzifferung eines alten Grabsteins, nicht die Ermittelung einer zweifelhaften Jahreszahl ist das Saatkorn der Frucht für das kräftige frische Leben"; sondern-das Erweitern der vier Ellen der Halacha; das Fortschreiten außerhalb der vier Ellen der Halacha; das Ausreißen und Abschneiden der Halacha, in der man ja oft den „Strohhalm" für einen „Lebensbaum hält", und „eine tiefe Wurzel, durch Geschichte und Tradition sanctionirt, leichtfertig ausreißt"; das Judenthum den Anforderungen der Welt anpassen; seine Härten abschleifen, seine Schärfen ihm benehmen; Halacha, Vernunft und Menschlichkeit, die Jahrtausende in Kampf und Zwietracht verbracht, friedlich vereinen — das ist, nach Ansicht des Korrespondenten, „das Saatkorn der Frucht für das frische, kräftige Leben", das die Ausgabe, die die Wissenschaft sich stellen muß. Wir möchten wahrlich die Frucht nicht sehen, die aus solchem Saatkorn aufschießt; wir können nur mit Bangen und Grauen einer Zukunft entgegengehen, für welche die Gegenwart solche Saatkörner ausstreut! Aber hören wir weiter! „Denn mißt man bestimmt gegebene Fälle mit der Elle der Halacha und andrerseits mit dem Maßstabe der Vernunft und Menschlichkeit, die doch durch das religiöse Gesetz nicht verletzt werden darf, nicht verletzt werden will — Di-tn “>m —, so findet man, daß beide Maßstäbe gar manchmal nicht übereinstimmen." Hört es, Ihr Tausende, die Ihr nur nach dem Maßstabe der Halacha gerichtet, weil in ihr die höchste Vernunft, die höchste Menschlichkeit, die Weisheit und der Wille Gottes niedergelegt; hört es, Ihr Tausende, die Ihr noch jetzt bei „bestimmt gegebenen Fällen" die Halacha zur Hand nehmet, wißt es, daß Ihr gegen Vernunft und Menschlichkeit gefchlt*), leset hier ein Sündenregister, das ein Rabbiner gegen die Halacha aufgestellt. Sie, die unmenschliche Halacha, gebietet aus Menschlichkeit einer Wittwe, ein ewiges, einsames Wittwenleben zu führen; sie, die lieblose Halacha, trennt zwei Herzen, die sich in verbotener Liebe gefunden; sie, die grausame Halacha, wird endlich in der Hand eines Rabbiners zum scharfen Schwerte, *) „Manchmal", sagte der Korrespondent! Red. welches das Herz eines Vaters von seinem in unjüdischer Ehe gezeugten Sohne reißt. — Wir würden vor Allem fragen: was ist Halacha? aber Menschlichkeit gebietet uns, dem Herrn Rabbiner keine Verlegenheit zu bereiten und ihn nicht in ein Labyrinth zu versetzen, aus dem er vergebens den Ausgang gesucht; denn „der Eine hält Alles für Halacha, was geschrieben steht, der Andere zieht da oder dort eine willkürliche Grenze, der Dritte will nur daS eigentliche mosaische Gesetz dafür gelten lassen und nicht auch die rabbinische Zuthat in Deutung". Der geehrte. Herr scheint keine dieser Ansichten adoptirt zu haben und um allen Kopfschmerz verursachenden Forschungen zu entgehen, mahnt er ganz einfach, wo nur irgendwie Confliote mit der Halacha Vorkommen, ganz hinauszuschreiten aus den vier Ellen, hinaus auf das weite Feld der Vernunft, wo Menschlichkeit uns leiten, Liebe unS führen und ein weites Gebiet für unsre Sinne und unsre Genüsse vor uns ausgebreitet liegt. — Wir, die wir uns frei und wohl fühlen innerhalb der vier Ellen der Halacha, können solchen Ansichten nicht in dem beschränkten Raume eines Correspondenz-Artikels entgegen treten, und geschah die Darlegung der Principien des Herrn Correspondenten, wie wir sie aus dem Artikel mit Recht zu entnehmen glauben, nur in der Absicht, den Leser aufmerksam zu machen, aus welcher Quelle jene Worte geflossen und wie sie aufzunehmen seien. Gehen-wir deshalb zur Betrachtung der angeführten Fälle selbst über, in der das Obige seine Bestätigung und Bekräftigung finden wird. Wohl ist es hart und schwer für eine Wittwe, die zwei Gatten verloren, allein mit ihren Kindern dazustehen; was bestimmte aber die Feststellung jenes Grundsatzes, daß eine Katlanith sich nicht wieder verheirathen solle? War es in der That Lieblosigkeit? Finden wir in den andern ehelichen Bestimmungen mehrere Beweise für diese Lieblosigkeit? Nimmt das jüdische Eherecht aus die Schwäche der hülflosen Wittwe gar keine Rücksicht? Wer das jüdische Eherecht kennt, wird mir zugestehen müssen, daß überall der Grundsatz der Milde und Liebe walte. Die Ehe ist das Heiligthum des Juden, heilig und rein in ihrer Gründung, heilig und rein in ihrem Bestände; die schwache Wittwe ist das bemitleidenswertheste der Wesen, dessen Schonung, dessen Unterstützung unsre heiligsten Pflichten sind. Wo wir die Gemara ausschlagen, finden wir Belege; Gattenliebe, Gattenachtung,. Keuschheit, nicht an Einer Stelle werden sie uns warm empfohlen und zur Pflicht gemacht. Wenn „das jüdische

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