Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 21 (1857)
- Issue
- Heft 15 (6.4.1857)
- Date
- 1857-04-06
- Page
- Seite 202 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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202 Cereinonien ic. ihre Grundsätze und Ansichten nur theoretisch verfechten und im praktischen Leben selber nicht dafür cinstehen.*) Nächst Diesem hebe ich den Aufsatz Schorr's hervor, der die Bibel in einer eigenthümlichen Weise behandelt. Der erste VerS der heiligen Schrift erfährt bereits eine Correctur, und Herr Schorr liest statt tmian, etox Wollte man Herrn Schorr folgen, so hätten wir eine vollständig neue Bibelausgabe.**) Es fällt mir nicht ein, der freien Forschung den Weg zu verrammeln; aber e8t modus in rebus. Diese Splitterrichterci und das Haarspalten sind an diesem Platze nicht angewendet. Herr Schorr setzt voraus, daß die Bibel vollständig nach den Regeln der Grammatik***) abgefaßt sei; er läßt gar keine licentia gelten; und doch ist es meine unmaßgebliche Meinung, daß jene Seher und Sänger sich blutwenig um die Grammatik als solche kümmerten, eben so wenig — si licet componere — als Homer und Sophokles die Grammatik und die Regeln der Dichtkunst studirt haben. Nichts desto weniger sind diese Meisterstücke des menschlichen, wie die Bibel Offenbarung des göttlichen Geistes ist. Ich erinnere übrigens an das bekannte Wort Goethe's, den man aufmerksam machte, es habe ein Vers in Hermann und Dorothea einen Fuß zu viel. Eben so scheint es mir, daß der Herr Verfasser auch in einer andern Beziehung zu hart ins Gericht gegangen ist. Ich erlaube mir nur die Bemängelung anzuführen, daß Rebecca (Genes. 27, 7.) die Worte 'n '-sd hinzufügt. Es ist eben der Vorzug der Bibel und des Pentateuchs insbesondere, daß sie nicht etwas „Gemachtes" ist; Alles trägt den Stempel der Wahrheit an sich. Sie verdeckt und verhehlt nicht die Schwächen ihrer Helden, wie eine spätere Zeit aus inniger Pietät solches that und die Bibel verbessern wollte. Die Bibel bekennt sich im Vorhinein nicht zu der Lehre *) Bei dieser Gelegenheit erlaube «ich mir die Bemerkung: die englische Correspondenz berichtete bei Gelegenheit des Rothschilv'schen Hochzeitsfestes, als wären auch rrmoN zum Diner gekommen. Wie ich jedoch höre, waren die Speisen vollkommen koscher. Corr. **) Diese Art närrische Bibelkritik war schon einmal im vorigen Jahrhundert in der christlichen Welt im Schwange, und erhielt gebührende Würdigung. Redact. ***) Wer hat die Grammatik verfaßt? Redact. der Heiligen. Ihr gilt: tm■•ptt. Sie schildert Menschen in ihrer Menschlichkeit^ Nichts.desto weniger haben Jakob, MoseS; David, Salomon rc; nichts an ihrer Größe eingebüßt^. Um nun aüf. das '*J '»b zurückzukommen, fo istleS: bekannt;:-mmrikaiw manchmal den Willen haben, diplomatisch tred «achzuerzählen und gebraucht zufälliger Weise ein Wort, das der Andere nicht gebraucht hat. Hier aber ist es psychologisch begründet, daß Rebecka vorsätzlich daS Wort gebraucht, um Jakob desto sicherer für. ihre Ab? sichten zu interessiren. ' ES scheint mir überhqujch daß das psychologische wie daS poetische Moment in der Bibel noch zu wenig gewürdigt wurden. Man hat bisher weit mehr die äußeren poetischen Formen behandelt, als den wahrhaft, poesiereichen Inhalt und zwar einer Poesie, die nicht der Wahrheit und der historischen Treue Eintrag macht. Schließlich erlaube ich mir die Leser auf den Aufsatz Löw's: ö'nmym. trsbnan aufmerksam zu machen. Herr Löw führt, darin unter Anderm an, wie oft Rabbinen und Gemeinden in Zwiespalt über religiöse Fragen waren, so daß die Einen wünschten oder für erlaubt hielten, was die Andern verboten, und umgekehrt, und wie sogar bei einer und derselben Streitfrage (wie bei Jozeroth re.),die Positionen sich änderten. Wir können in neuester Zeit etwas Aehnliches sehen. Aus dem Lager der reinsten Orthodorie erscholl bei Gelegenheit der Rabbinerconferenzen zu Paris der Ruf, der Besuch der Synagoge sei nur ein Mal des JahreS geboten, und zwar 's Wir sind nun neugierig, ob Einer von Denen, die weder praktisch noch theoretisch einen Begriff von Hilchoth talfoth oder von hilchoth Schabboth haben, ihre Lebensweise verändert haben, oder ob auch nur Einer, der mit einer Faser noch am Judenthume hängt, deshalb am Versöhnungstage von der Synagoge wegbleiben wird. Jedenfalls ist dieses Buch eine sehr bedeutende Erscheinung; selbst der Styl darin ist vorzüglich, so daß Freund und Feind daS Buch nicht ohne An-, vielleicht auch Aufregung — aus der Hand legen wird. Die Ausstattung und der Druck dieses Buches sind jedoch sehr zu tadeln. Ihr Bibelwerk erscheint also in einer zweiten Auflage! Bedenkt man, welche Mühe es sonst kostet, rin wissenschaftliches Werk, daS zunächst für jüdische Kreise bestimmt ist, in einer Auflage von 500 Eremplaren