Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 21 (1857)
- Issue
- Heft 15 (6.4.1857)
- Date
- 1857-04-06
- Page
- Seite 199 (sequence 7)
- Language
- German
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ISS ES wird nächstdem auch der Bau einer neuen Mikwa beabsichtigt. In der Mädchenfreischule der Gemeinde ist der Lehrer Zelle emeritirt und seine Functionen sind zwischen drei Fachlehrern vertheilt worden-. Einen eigentlichen Direktor hat diese Schule von 200 Schülerinnen nicht, eben so wenig als die Talmud-Tora-Schule (250 Schüler), wogegen die Knabenfreischule, jetzt durch einen von einer wohlhabenden hiesigen Dame beschafften Anbau um 2 Classcnzimmer vergrößert, daß sie bis 300 Schüler fassen kann, von Herrn vr. Ree in sehr anerkannter Weise geleitet wird.' Sowohl bei dem neuen Synagogenbau als bei dem hiesigen Tempel hat die Hinsicht auf das im vergangenen Jahr in Lublin vorgekommene Unglück es veranlaßt, daß am oberen (östlichen) Ende der Damengallerien AuSgänge mit Treppen, die ins Freie führen, angebracht werden. Bei dieser Gelegenheit möchte ich fragen, woher eS wohl kommt, daß so viele kleine Gemeinden ihre Synagogen gar nicht, oder zu niedrig versichern lassen. So oft eine Feuersbrunst vorkommt, — und vor einiger Zeit geschah das öfters — ergehen Circulare und Norhgeschrei, was gar nicht nöthig wäre, wenn die nöthige geringe Vorsicht beobachtet worden wäre. In größeren Gemeinden kommen solche unverantwortliche Nachlässigkeiten nie vor.*) In No. 12. wird über einen hier vorgekommenen Fall, bezüglich eines in Mischehe geborenen Knaben, deffen Mutter nachher Jüdin ward, nicht ganz correct berichtet. Der hiesige Oberrabbiner kann vertragsmäßig — und das ist ja wahrscheinlich bei allen Gemeinden derFall — nicht genöthigt werden, irgend eine Function zu verrichten, die seiner subjectiven religiösen Ansicht widerstreitet, und er hat bei solcher Weigerung gar keine weiteren Gründe anzugeben. Hingegen hat er sich dann auf keine Weise darum zu kümmern, wenn eine solche Function durch sonst Jemanden vollzogen wird. Hätte nun der betreffende Vater nicht die Idee gehabt, seine Sache schlechterdings unter Mitwirkung dieses Herrn zu ordnen, so war sie ein halbes Jahr früher abgemacht. Es versteht sich, daß in solchen Fällen die Gemeinde sich verpflichtet hält, ihren Mit¬ *) Wir haben schon oft Veranlassung genommen, sowohl in diesen Blättern, als auch im „jüd. Vvlksbl." die Vorstände der Gemeinden darüber zu verwarnen. Red. gliedern daS nöthige Personal zu stellen, und die Extrakosten zu tragen. Jene Geschichten erinnerten mich an einen alten Vorgang in der hiesigen Gemeinde, wohl geeignet, den Stoff zu einer sehr tragischen Novelle herzugeben, aber darum nicht minder ganz der Wahrheit gemäß. Möge sie als eine Warnung hier Platz finden. Vor etwa 40 Jahren war hier ein Brautpaar aus beiderseits sehr achtbaren und vermögenden Familien, Beide unbescholten und von Kind an mit einander ausgewachsen. Es war eine JnclinationSpartie im vollen Sinne. Bei einer nicht bekannt gewordenen Gelegenheit vergaßen sie sich, eö ging ihnen wie dem Hüon mit der Rezia. Die Symptome, welche sich zeigten, motivirten die Beschleunigung der Hochzeit, und der Bräutigam ging zu einem ihm sehr befreundeten Rabbiner, um ihm dies anzuzeigen. Dieser erkundigte sich nach den näheren Umständen, und als ihm der junge Mann versicherte, er habe dem Mädchen nur ein einziges Mal beigewohnt, da erklärte er ihm ganz entschieden: dann darfst Du sie gar nicht heirathen, dann hat sie mit einem andern Manne der Liebe gepflogen, denn der Talmud sagt ganz klar: Ln ischa nitabberah mipper6 biah rischonah!*) Der junge Mann, im unbedingten Glauben an jede Aussage „unsrer Weisen" erzogen, folgte mit gebrochenem Herzen dem Befehl. Umsonst siel ihm daS Mädchen mit den heiligsten Schwüren zu Füßen — der Talmud hat gesprochen und wer durste an seinen Lehren, selbst den naturhistorischen, zweifeln? Tages darauf fand man die Leiche des Mädchens in der Elbe: ein hinterlassener Brief wiederholte ihre Betheuerungen. — Der Mann lebte noch an 30 Jahre, er hatte sich später verheirathet, ein größeres Vermögen erworben und eine Anzahl von Kindern erzeugt. Aber er hatte dennoch keine frohe, keine gesunde Stunde. Immer körperlich kränkelnd und häufig gemüthskrank, siechte er hin. Von seinen letzten Stunden erzählt man Trauriges. Aber er hatte doch den Trost, nicht an der Autorität der Rabbinen gezweifelt zu haben. — *) Es soll hiemit übrigens gar nicht behauptet sein, daß dies so im Talmud gemeint ist; die Anwendung aber ist so gemacht worden. Corresp.