Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1857-04-06 · Heft 15 (6.4.1857) · p. Seite 198

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
21 (1857)
Issue
Heft 15 (6.4.1857)
Date
1857-04-06
Page
Seite 198 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3226039-3226055--16024-3244853
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

199 Die Oberaufsicht führt die Königs, israel. Oberkirchenbehörde. Dieses Institut dürfte manchen Jüngling zum Studium der mosaischen Theologie in Württemberg aneifern. — Unser Buchhändler Heß in Ellwangen begründet immer mehr seinen Ruf als tüchtiger kenntnißreicher Antiquar. Kürzlich erkaufte von ihm die Königliche Bibliothek in Berlin die Mirabilia urbis Romae. Von diesem Holztafeldruck bestanden nur noch zwei unvollständige Eremplare. Dieses von Heß aufgrfundene ist vollständig und wurde von der Berliner Hofbibliothek um 700 Thlr. angekauft. — Unsere Landgemeinden find in vollkommener Auflösung begriffen, wer irgend Mittel und Gelegenheit hat, zieht in die Stadt. Das Judenthum gewinnt durch dieses Conglomerat der neuen Kehilloth- Bildung wenig. Der Kern der Gemeinden wird von der Masse der Eingewanderten numerisch überwältigt; das materielle Interesse hat diese von der Heimath weg in die Metropolen der Provinzen getrieben und fie finden nicht Geschmack am Judenthum, für dessen Culr man keine Zeit findet. Die Jugend wird für den Erwerb gedrillt, fie soll nur das lernen, wovon sich bald die Zins-CouponS abschneiden lassen. Die Religion, die nationale Geschichte, die jüdischen Wissenschaften sind Ballast, die nur im strömenden Fahrwasser der Zeit hemmend entgegenstehen. Die Confirmation ist die Parade, bei der man sich im weißen Gewände und Glacehandschuhen öffentlich als Jude bekennt, um dann sich desto ungehinderter von ihm zurückziehen zu können. Die Tempelbauten sind das Ruhekissen, auf denen das jüdische Bewußtsein sich ablagert; aber die Schulen sind Rumpelkammern und das antiquarische Zeug der hebräischen Sprache, der tausendjährigen Liturgie k., sie sind nicht nach dem Geschmack der Jetztzeit. Stuttgart baut einen großartigen Tempel, hat aber keine jü d i sch e V o l k S sch u le. Die katholische Gemeinde dort, deren BethauS baufällig ist, ging umgekehrt zu Werke; zuerst gründete sie eine Volksschule, baute für sie herrliche Räume und auf das Fundament der Schule will sie ihren Cultus gründen. — In Ulm hat sich eine jüdische Gemeinde constituirt, aber die 40 schulpflichtigen Kinder sind zerstreut in allen Stadtschulen und ein enges Kämmerchen ist bestimmt dazu, einige Stunden wöchentlich die Kinder JeschurunS zu versammeln, damit sie die Religion der Väter aus der Vogelperspective betrachten lernen. — Als der Lehrer gewählt war, wußte der Vorstand nichts Eiligeres zu thun, als ihm einen Revers zu unterbreiten, daß er nie Ulmer Bürger werden wolle, damit er und seine Nachkommen den jüdischen Patriciern UlmS nie Concurrenz machen. Ueber die Wahl des Lehrers war man in der Gemeinde getheilter Meinung, und als die Ansicht des Vorstandes nicht durchdrang, rächte sich derselbe dadurch, daß er in pleno aus dem jüdischen Leseverein ausschied, der viele intelligente Israeliten wöchentlich in seinem Locale versammelt. — Wir wollen nicht gehässige Beispiele häufen, wir könnten aber noch Manches aus eigener Erfahrung erzählen, über daS wir den Mantel der Liebe decken. Die erste heurige Sendung des Instituts ist freudig begrüßt worden und während der größere Theil des lesenden Publikums sich an den Spenden ergötzt, harrt der kleinere der noch folgenden wissenschaftlichen Gaben. Hamburg, im März. (Privatmitth.) Am 8. d» ward unter den üblichen Förmlichkeiten der Grundstein zur neuen Synagoge gelegt. Der präsidirende Gemeindevorsteher sprach über die veränderten Umstände seit dem Synagogenbau vor 70 Jahren, als man glaubte, bei der Einweihung alles Aufsehen vermeiden zu müssen, weil die bürgerliche Stellung der Juden, obzwar weit besser als in allen übrigen deutschen Staaten, doch noch manche Abnormitäten darbot, die wir jetzt kaum für möglich halten. Daß dieser wie jeder andere Fortschritt nur durch die Verbreitung der Erziehung und des Lichtes erreicht worden sei und daß diese Bahn weiter eingehalten werden müsse, bildete den Schlußpunkt dieser inhaltreichen Ansprache. Nach Einfügung deS Steines, in welchen unter Anderm auch No. 10. dieser Zeitung gelegt wurde, hielt der Herr Oberrabbiner Stern eine kurze Anrede und schloß mit einem Gebet. Ein Chor von etwa 40 Personen, welche zusammengetreten sind, um in der neuen Synagoge einen geregelten Gemeindegesang (denn ein abgesonderter Chor soll er nicht werden) einzuführen, trug die Lieder Jigdal und Adon Olam vor. Mittags vereinigten sich die in den Commissionen dieses Synagogenbaues beschäftigten Herren, einige 40 Personen, zu einem frohen Zweckeffen in Hirschfeld's Hotel.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.