Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 21 (1857)
- Issue
- Heft 15 (6.4.1857)
- Date
- 1857-04-06
- Page
- Seite 196 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3226039-3226055--16022-3244851- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
196 von Juden eristirt, welche die radikalen Zeitungen in ganz Deutschland mit Artikeln in christseindlichem Sinne versehen. Daß fast alle Korrespondenzen für außer-österreichische Blätter in den Händen jüdischer Literalen liegen, ist gewiß. Der Einfluß der Juden wächst von Tag zu Tag." Wir müssen die „Augsburger Postzeitung" in jedem dieser Worte Lügen strafen. Es ist ebenso unwahr, daß die Juden nur für radikale Blätter correspondiren und daß die radikalen Blätter nur von Juden Korrespondenzen erhalten, wie es unwahr ist, daß ein solcher Verein von Juden in Wien eristirt, und unwahr, daß die Korrespondenzen für außerösterreichische Blätter in den Händen jüdischer Literaten liegen. Gerade im Gegentheil hat sich die Zahl jüdischer Literaten, welche für Zeitungen correspondiren, seit 1850 außerordentlich und bis auf ein Minimum verringert. Auch geben die Korrespondenzen der deutschen Zeitungen in ihrer meist judenfeindlichen Haltung hinlänglich Zeugniß, daß sie nicht aus jüdischen Federn geflossen. Die Augsburger Postzeitung hat sich hier, wie so oft, zum Organ der Gehässigkeit gemacht, und wie immer, recht dick aufgetragen. Wie weit übrigens die Augsb. Pvstztg. berechtigt ist, die Juden zu denunciren, kann man daraus sehen, daß, wie sie selbst verkündet, die königliche bayerische Regierung allen Dikasterien besohlen hat, der Augsb. Pvstztg. keine amtlichen Inserate zukommen zu lassen. Von welcher Loyalität muß also die Augsb. Pvstztg. sein! Die Absicht der obigen Lüge ist übrigens leicht verständlich. Das Gesetz, welches die Verhältnisse der österreichischen Juden regeln soll, wird erwartet, und soll ein günstiges sein — wie gern möchte man daher demselben noch ein Bein stellen. Nicht minder geht jetzt eine Abgeschmacktheit durch die deutschen Blätter. Man will die wahrscheinliche Wiederwahl Rothschilds in das englische Unterhaus durchaus den Juden in der City zuschreiben, und giebt auch schon die Zahl der jüdischen Wähler auf 2000 an. Wenn nun auch es gar nichts Absurdes wäre, wenn die Juden dafür sorgten, einen Vertreter im englischen Parlament zu haben, und wenn durch diesen einen Juden das englische Unterhaus sicher nicht an seiner Christlichkeit verlöre, wie die Gegner immer behaupten — so ist doch jene Mittheilung abgeschmackt, weil die jüdischen Wähler in der City nicht den zehnten Theil der angegebenen Zahl erreichen, weil sie nicht alle zur Wahl gehen, und lange nicht alle für Rothschild stimmen würden und hauptsächlich, weil die City oft genug bewiesen hat, daß sie nicht erst der Juden bedarf, um einen Juden zu ihrem Vertreter zu wählen. Die Absicht dieser Abgeschmacktheit ist nicht minder absichtlich: man will dem Zeugniß für die Gesinnung der Citywähler und ihre Anhänglichkeit an den Grundsatz der Gewissensfreiheit die Spitze abbrechen. Literarischer Wochenbericht. Frankfurt am Main, im März. Das starre System des N. Elieser b. HyrKanrrs. In dem Charaktergemälde von R. Elieser stellte Gratz (im 4. Theil seiner Gesch. d. I.) nach talmudischen Quellen den Satz auf, daß R. Elieser nur das von seinen Lehrern Vernommene lehrte und nicht ein Haar breit weiter ging, als der vorhandene Traditronsstoff bestimmt. Gegen diesen Satz erhob sich R. Hirsch mit fanatischem Geschrei und mit einer alles Maß übersteigenden Heftigkeit, und suchte durch viele dem Nachloth Schimoni entnommenen Citate zu beweisen, daß sich R. Elieser in der That der talmudischen Deutungsregeln bediente und daß der Ausgangspunkt selbst, welcher Grätz für seine Ansicht bestimmte, nirgends als in der schöpferischen Einbildungskraft des Verfassers eine Eristenz habe. — Wir halten uns verpflichtet, Grätz öffentlich die Genugthuung zu geben, daß der größte talmudische Gelehrte unsrer Zeit, David Luria, der kein Rabbiner, kein Lehrer an einem verpönten „historischen Seminar" ist, Hirsch und Genossen daher gar keine Ursache haben, seine Rechtgläubigkeit zu verdächtigen, daß dieser Gelehrte nun, der auch mit einer „schöpferischen Einbildungskraft" begabt ist, die sich aber nur in kabbalistischen Gebilden manifestirt, ebenfalls in der Biographie von 91. Elieser (S. 7 — 8.), die seinem berühmten Kommentar zu Pirke Elieser vorausgeht, sagt: R. Elieser habe nur das ihm von seinen Lehrern Ueberlieferte gelehrt und sowohl in der Theorie wie in der Praris, in der Agada wie in der Halacha sich niemals einem selbstständigen Forschen überlassen. Wenn wir aber auch sehr häufig im Talmud finden — sagt Luria — daß R. Elieser sich bei den Kontroversen der Deutungsregeln bediente, so wollte er keineswegs vermittelst derselben eine Halacha selbstständig eruiren, sondern auf seine Tradition gestützt, suchte er dieselbe nur bei seinen College», denen der Traditionsstoff fehlte, vermittelst der Deutungsregeln als argumentum aä Iwminem Eingang zu verschaffen. Wir sehen aus dieser abgekürzten Anführmrg, daß Elieser in prophetischem Geiste, schon 1852, die Einwendung Hirfch's zurückgewiesen hat. Es kann uns nun ganz gleichgültig sein, ob Hirsch sofort