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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1857-04-06 · Heft 15 (6.4.1857) · p. Seite 195

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
21 (1857)
Issue
Heft 15 (6.4.1857)
Date
1857-04-06
Page
Seite 195 (sequence 3)
Language
German
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ISS nichts oberflächlicher und nichts leichter ist; man ist alle Zeit fertig. Wir aber, die wir die Arbeit der Menschheit in ihrem Werth« anerkennen, die wir das mühsame, aber sichere Fortschreiten des Menschengeschlechtes, die unter der Einwirkung und Führung Gottes nimmer ruhende Entwickelung deS Menschengeistes zu unsrer Basis machen, die wir, nach dem Worte Moscheh's, glauben, aber auch prüfen, forschen und erkennen, die wir die Religion Israels als einen der Hauplfactoren und ihre Bekenner als berufen, mitzuwirken in dieser Entwickelung des Menschengeschlechtes, ansehen, die wir aber darum die ganze Mühsal dieses KämpfenS und Ringens, dieses Anstrebens und WeiterdringenS mit auf uns nehmen — wir sollen gegen jene Buchstabenverehrer die Oberflächlichen sein! Unsre Gegner sind so oberflächlich, daß fie den geistigen Inhalt deS JudenthumS für erschöpft, aufgegangen, und wie diese Modewörter heißen, welche die „Altgläubigen" und di« „äußerste Rechte" so gern gebrauchen, wenn sie nichts Anderes wissen, erklären. Ihr seid irre, der Kampf zwischen der jüdischen Anschauung und den ihr gegenüberstehenden Anschauungen ist noch lange nicht zu Ende, noch lange nicht abgeschlossen und todt. Führen wir nur Eins an. Die christlich-dogmatische Anschauung hat ihren Eck- und Grundstein in der Erbsünde, in der Jnficirung jeder geborenen Menschenseele von der Erbsünde und der dadurch bedingten Erlösung durch einen Dritten. Die jüdische Anschauung stehet dieser geradezu entgegen, und, auf dem Schriftwort beharrend (1 M. 3, 22.: rtfnb Id»» öiNrt ■jsn trttbK 'n N»«'1 3>Ti Siö „Und der Ewige Gott sprach: stehe, der Mensch ist worden, wie Einer von uns, erkennend Gutes und Böses") und auf dem Schriftwort (2 M. 34, 6.: bN 'n 'n 'iti 112N1 Dim „Der Ewige, der Ewige, Gott, barmherzig und gnädig, langmüthig und voller Huld und Wahrheit, bewahrend Huld den Tausenden, vergebend Sünve und Missethat und Schuld", u. s. f.) und auf unzähligen anderen Schriftworten, welche lehren, daß Reue, Buße und Besserung die Versöhnung Gottes und die Tilgung unsrer Schuldhaftigkeit bewirken — die jüdische Anschauung, daß durch den „Sündenfall" der Menschengeist eine höhere, geistige Stufe erreicht hat, daß er geistig losgelöst und frei geworden im Bewußtsein des Guten und Bösen, daß er moralische Freiheit erlangte, um im fittlichen Reiche Gottes strebsam und wirksam zu sein, und durch „Buße, Gebet und Wohlthätigkeit" (NP1L1 Nbsr, N2i«n) zum Gottversöhnten Leben zu kommen. Wer muß nicht eingestehen, daß diese beiden Anschauungen himmelweit von einander verschieden sind, wer wollte läugnen, daß der Kampf zwischen beiden noch ein stark und weit ausreichender ist, und daß demnächst Judenthum und Juden noch heute einen lebendigen Beruf haben, den uns weder Sophismen, noch Ausschließungen absprechen und verkümmern sollen! Arutalität. In No. 13. hatten wir Veranlassung, über „die factische Intoleranz" zu sprechen, die sich an den verschiedensten Orten, selbst da, wo bis jetzt keine Spur vorhanden, geltend zu machen sucht, und deren Anregung wir in der aus dem Motiv „divide et impera“ erstrebten strengsten Spaltung des Volkes nach der Confession finden mußten. Da kamen uns in schnellster Zeitfolge die in No. 13. und 14. mitgetheilten Nachrichten aus Altpreußen über an einzelnen Israeliten verübte Mißhandlungen zu, die nicht mehr in das Reich der Intoleranz, sondern der Brutalität gehören. Sehen wir noch dazu, daß diese Vorgänge nicht innerhalb der sogenannten untersten Volksclaffe, sondern eines Standes geschahen, welcher stch so gern „den deutschen Mittelstand" nennt: so können wir sie nicht genug beklagen. Es sind dies Symptome eines bestialischen Sinnes, den allerdings nicht das bloße Gesetz, nicht die Strafruthe des Richters, sondern die Verbreitung wahrhafter Religiosität, sittlicher Bildung und die Verhinderung des religiösen Fanatismus, des Haffes aus confesfionellen Gründen vermindern und beseitigen kann. So sehr wir daher unsren Königsberger Correspondenten ersuchen, uns über den Ausgang des kriminalgerichtlichen Verfahrens zu berichten: so nehmen wir doch vielmehr Veranlassung, alle Männer jener Provinz, welchen die Ausrottung solcher Brutalität, die Verhinderung des nothwendig erfolgenden gänzlichen Verfalls der Sittlichkeit im Volke am Herzen liegt, auszufordern, durch Wort und That auf die Verbreitung besserer Gesinnungen zu wirken. Hierzu scheint in Altpreußen ein großes Brachfeld vorhanden zu sein. Eine Lüge und eine Abgeschmacktheit. Die „Augsburger Postzeitung" — und die ihr gleichenden Blätter, z. B. das „deutsche Volksblatt" in Stuttgart drucken es ihr getreulich nach — läßt sich auS Wien schreiben: „Eben vernehme ich, daß in Wien eine Gesellschaft 15*

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