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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1857-04-06 · Heft 15 (6.4.1857) · p. Seite 194

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
21 (1857)
Issue
Heft 15 (6.4.1857)
Date
1857-04-06
Page
Seite 194 (sequence 2)
Language
German
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194 gion der Autorität, aber nicht der Buchstabenvergötterung, war und ist die Religion der Gläubigkeit, aber nicht aberwitzigen Glaubens. Nein! das Judenthum in der Neuzeit ist kein mittelalterliches, weder nach außen, noch nach innen; wir Juden sind des freien Menschenrechtes geworden, wie cs innerhalb der Staatsgesetze für Alle besteht, und des freien Menschengeistes, wie er innerhalb der Lehre des einzigen, allweisen, allgerechten und allliebenden Gottes sich bethätigt. Ist dem aber so, so ist es nur das alte teuflische Spiel, Recht zu Unrecht und Unrecht zu Recht zu machen, wenn man für die Bekenner des Judenthums das Recht nach Belieben zuschnitzeln, ihnen bald dies als ihr Recht, bald jenes als ihr Nichtrecht zuertheilen und dabei frech behaupten will, das Judenthum selbst fordere dies. Nein! das Judenthum in der Neuzeit hat den positiven Beruf, die Gewissensfreiheit als Thatsache zu erstreben und deren Verwirklichung, auch ohne alle Religionsmengerei, zu erweisen. Ist dem so: so hat das Judenthum der neueren Zeit den positiven Beruf, seinen geistigen Inhalt zu entfalten und zu klären, innerhalb der ganzen Menschheit zu lehren und zum Gemeingut der Menschheit zu machen. Dies ist der Weg, den schon die Propheten ihm vorgezeichnet, und den das Judenthum immer wieder beschreiten wird, sobald ihm Raum dazu gegeben ist. Dies ist der Beruf Israels, den die heiligen Sänger ihm so oft zurufen: „Verkündet unter den Völkern die Herrlichkeit des Ewigen, thuet kund unter den Nationen seines Namens Ehre!" und diesem Berufe werden die Lippen Israels dienen, so oft nicht die Gewalt sie versiegelt. Daß dem aber so ist, brauchen wir es zu erweisen? gehet hin, und sehet, nicht etwa, daß ein Jude Minister des nordamerikanischen Präsidenten wird, ein anderer Justizminister des Königs von Holland zu werden ablehnt, ein Jude Lord-Mayor von London war, sondern vielmehr wie die türkischen Juden sich zu den Fahnen des Sultans drangen (avee empregsement, schreibt der türkische General), und Sir Moses Montefiorejüdische Müller und Seidenzüchter für Jerusalem sucht; gehet hin und zählet die Zahl der Juden, die in Wissenschaft und Kunst sich auszeichnen; gehet hin und höret das Wort, wie eS von den Kanzeln Israels ertönt! Freilich Ihr, die Gläubigen par excellence, Ihr glaubet nicht an die Leitung der göttlichen Vorsehung, sondern gebet vor: dies Alles geschehe Gott zum Trotze, und das Werk der Jahrhunderte ist Euch nicht eine Schöpfung Gottes, sondern menschlicher Willkür — o, Ihr ungläubigen Glaubensverdreher! Mag es wahr oder nicht wahr sein, daß sich in Berlin einige verlorene Posten verheuchelter Ultra orthodoxen mit dem verlorenen Posten der äußersten Rechten, der sogenannten „kleinen aber mächtigen Partei", deren Macht aber sehr verschossen ist, verbunden haben eine solche Kameradschaft macht uns weder Bedenken, noch Besorgniß — lächerlich ist es, und allmählig sehr fade, wenn diese Leute mit dem verbrauchten Stichwort von „oberflächlich", „moderner Weisheit" u. dgl. um sich werfen, und unS gewaltig damit abgetrumpft zu haben glauben. Wir schleudern ihnen dieses „oberflächlich" und „moderne Weisheit" zurück in ihr neidgelbeS Angesicht! — Was ist oberflächlicher, als jene Unterscheidung von bürgerlichen und politischen Rechten, von denen man jene den Juden gestatten, diese absprechen will. Wie! bestehet der Staat blos in den Beamten und den Paar Hundert auf einige Jahre gewählten Abgeordneten, und ihren immerfort umgeschmiedeten Gesetzen? oder besteht der Staat in dem ganzen Leben des Gesammtvolkes, in dem ganzen der Gesellschaft zugewendeten Leben allerStaatSangehörigen? WaS für eine oberflächliche Theorie ist es, die Juden an diesem Gesammtleben nach allen Richtungen hin Theil nehmen zu lassen, sie aber aus einigen Kategorien der Beamten und dem Landtage ausschließen zu wollen? Ihr, die Ihr die feste, scharfgetrennte Gliederung der Stände als die Grundlage der ganzen Gesellschaft anbetet, was ist dies für eine allermodernste Staatsweisheit, daß Ihr den Juden alle Stände, mit Ausnahme einiger wenigen, in die Ihr selbst gehört, preisgeben wollet? Nein, meine Herren, Ihr seid die Oberflächlichen, die Ihr dem festen, consequenten Grundsatz der Gewissensfreiheit, der Trennung der Religion von allen politischen Vorrechten und allem Schacher mit bürgerlichen Ehren und Aemtern eine armselige, schwindsüchtige Trennung von bürgerlichen und politischen Rechten gegenüber stellt! WaS ist oberflächlicher, als zu sagen: „so steht'S geschrieben, und nach diesen Buchstaben muß es geschehen, und wenn Geschlechter dabei untergehen!? " WaS ist o b er - flächlicher, als sich unbedingt der Autorität, nicht der gottbegeisterten Seher, des Wahrheit, Recht und Liebe verkündenden Wortes, sondern irgend eines, nicht bloS vor zweitausend, sondern vor zweihundert Jahren gelebt und geschrieben habenden Rabbi zu unterwerfen, weil er vor zweihundert Jahren gelebt und geschrieben? Uns bedünkt, daß

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