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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1857-03-16 · Heft 12 (16.3.1857) · p. Seite 158

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
21 (1857)
Issue
Heft 12 (16.3.1857)
Date
1857-03-16
Page
Seite 158 (sequence 8)
Language
German
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138 Zeitungsnachrichten. Deutschland. Alzey, 25. Februar. (Privatmitth.) Verwicheneu Samstag, den 21. d., hielt der bisherige Rabbiner, Herr Dr. Adler, vor seiner Abreise nach New- Uork, wohin ein sehr ehrenvoller Ruf als Prediger der Emanu-El-Gememde ihn berief, seine Abschieds, predigt, welche die Gemüther der anwesenden zahlreichen Zuhörer der verschiedenen Confessionen tief ergriff. Die hiesige israelitische Gemeinde verliert an ihm einen Mann, der während feines vierzehnjährigen Wirkens hier stets durch Wort und That in der uneigennützigsten Weise bemüht war, in seiner Gemeinde bas geistige Wohl zu fördern, den geläuterten Glauben unserer erhabenen Religion zu erheben und zu veredeln, und er hatte die Genugthuung, dieses Streben allgemein anerkannt und gewürdigt zu sehen. Schon seit einiger Zeit waren alle hiesigen Israeliten von dem ihnen drohenden Verlust schmerzlich berührt und in einer an den würdigen Seelsorger von seiner Gemeinde gerichteten Adresse, begleitet von vier schönen silbernen Leuchtern, gaben sie ihren Gefühlen den sprechendsten Ausdruck. Nicht minder wurde ihm von sämmklichen Instituten, in denen er den Religionsunterricht erlheilte, so wie von verschiedenen Privaten ehrende Anerkennung zu Theil; demselben folgt nicht allein die Liebe und Achtung seiner Glaubensgenossen, sondern auch von den Bekenner« anderer Confessionen, von Allen, die ihn näher zu kennen Gelegenheit hatten, in reichlichem Maße; so wurde ihm am Tage vor seiner Abreise von der Dircction der höher« Bildungsschule (Realschule) in einer herzlichen Adresse das tiefe Bedauern über sein Scheiden ausgedrückt. Möge der neue Wirkungskreis, wohin die göttliche Vorsehung ihn berufen, ihm Gelegenheit geben, seinem edlen Streben durch die besten Erfolge die Krone aufzusetzen; möge aber auch die hiesige Rabbinatsstelle durch einen gleichgesinnten Mann besetzt werden, damit die edle Saat, die er ausgestreuet, noch den spätesten Enkeln segensreiche Früchte trage. Von der untern Weser, im März. (Privatmitth.) sEhesachen.j Das Zeitalter der Phrase ist schon oft unsere Zeit genannt worden. Ich finde diese Benennung zutreffend, indem ich im Begriffe bin, die Vorgänge des versioffenen Jahrenochmals zu durchmustern und für Ihr schätzbares Blatt, daS ja für Licht, Recht und Wahrheit im Judenthum ftetS die Stimme erhebt, Einiges zusammenzustellen, waS sich in der nordwestlichen Ecke Deutschlands auf religiösem Gebiete zugetragen und was auf unsere gegenwärtigen Zustände Schlaglichter zu werfen geeignet ist. Leider begegnet man auch auf diesem Gebiete der Phrase überall, liest, hört schöne, hoch- und geistvoll klingende Redensarten von Wissenschaft und Fortschritt, von Quellen des Geistes und Gemüthes, von dem Werthe der Kritik und der besonnenen Richtung. Aber — aber — wer sich nicht zufrieden giebt nnt der Edition einer alten Handschrift, mit der Entzifferung eines Grabsteins, mit der Ermittelung einer zweifelhaften Jahreszahl u. s. w.; wer in den Leistungen und Bestrebungen unserer „wissenschaftlichen" Männer das Saatkorn der Frucht für das frische, kräftige Leben sucht,, wer in irgend einem bestimmten, gegebenen Falle, in einer aus dem Leben gegriffenen Verwickelung verlangt, daß die Redensart eine Wahrheit werde, Fleisch und Blut bekomme, der — findet sich bitter getäuscht. So verhält sichs auch mit einem Spruche, den ich letzthin als Antwort auf die Frage: was uns noch thut? gelesen habe: „Weiter in den vier Ellen der Halacha!" Man acceptirt gewiß diese Antwort gern, so lange sie blos einen Gegensatz ausdrücken soll gegen die Halbheit und Hohlheit, gegen die Unwissenheit Und Romantik so vieler Klopffechter und Lärmmacher unserer Tage, so lange man sich unter der Halacha den Talisman denkt gegen jene so häufige Verirrung, die hier einen Strohhalm nicht loslassen will, weil sie ihn für eine« Lebensbaum hält, dort eine tiefe Wurzel, durch Geschichte und Tradition sanctionirt, leichtfertig ausreißt, weil sie den Werth der Wurzel nicht ahnet. — Sieht man aber der Antwort schärfer ins Auge, mißt man bestimmt gegebene Fälle einerseits mit der Elle der Halacha und andererseits mit dem Maßslabe der Vernunft und — der Menschlichkeit, die doch durch das religiöse Gesetz nicht verletzt werden darf, nicht verletzt werden will — 'yi — so findet man, daß beide Maßstäbe gar manchmal nicht übrreinstimmen, daß die Phrase nicht ausreicht, daß sie Härten und Schroffheiten herbeiführt, die, weil im Ramm der Religion geübt, ihre Kraft schmälern, die Anhängigkeit und Liebe zu ihr untergraben. Man findet

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