Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1857-03-16 · Heft 12 (16.3.1857) · p. Seite 157

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
21 (1857)
Issue
Heft 12 (16.3.1857)
Date
1857-03-16
Page
Seite 157 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3226039-3226052--15980-3244806
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

18? stehen, schimpfte Mich Posche Israel und spie mir ins Gesicht, so daß ich hier wie in einer Pfütze stand — denn Wilna ist kein Berlin, und von der ungeheuren Zahl der jüdischen Einwohner unterläßt es Keiner, sein Abendgebet in der Synagoge zu verrichten. — Nach beendetem Gottesdienste wurde ich von meinen Fesseln befreit und aus der Stadt verwiesen. „Trotz dieses entehrenden Ungemachs, das ich durch den Gaoy erduldet habe, muß ich doch meine wahre Herzensmeinung offen aussprechen, daß selbst unter nichtjüdischen Gelehrten seines Gleichen nicht zu finden ist." — Wenn wir auch keine Ursache haben, an der Aechtheit dieses Briefes aus innern Gründen zu zweifeln, so ist es doch einigermaßen befremdend, daß Maimon in seiner Selbstbiographie von dieser Begebenheit nichts erwähnt, so wie auch, daß er hier von sich sagt, er sei dem Greisenalter nahe, während er schon in seinem 46. Lebensjahre gestorben ist. —*) Der wissenschaftliche Werth der erwähnten Schrift Alijuth Elia, die Apotheose des Gaons, besteht für uns nüchterne Deutsche nur darin, daß wir, durch die hier abgedruckte öffentliche Bekanntmachung des Wilnaer Beth-din, die unter dem Namen des Gaons edirten Werke mit Vorsicht aufzunehmen, ermahnt werden, denn nicht alle 57 Werke, die seinen Namen führen, wurden von ihm selbst concipirt. 3m Uebrigen werden hier so manche Wunderwährchen erzählt, die sicher chasidäischen Ursprungs sind, *) Wir unsrerseits, obschon wir das Werk noch nicht besitzen, halten diesen Brief für unächt, womit wir aber dem Rab. Mecklenburg selbst nicht im Entferntesten zu nahe treten. Als Mendelssohn fkarb, war Sal. Maimon (geb. 1753) 33 Jahre alt, und in diesem Briefe an Mendelssohn schreibt er „obschon ich dem Greisenalter nahe", Maimon, der im Jahre '1800 — 47 Jahre alt verstarb! Abgesehen hiervon, erscheint das Ganze als eine plumpe Erfindung, um die Geisteskraft des R. Elias und zugleich seine Orthodorie in ein glänzendes Licht zu stellen, und von einem deutschen „Epikauros" anerkannt zu zeigen. Den R. Elia dabei als einen Delator zu brandmarken, ohne sich dabei etwas zu denken, charakterifirt die Anschauung des Erfinders. Da aber Maimon mit Mendelssohn in gar keinem schriftlichen Verkehr stand, weshalb dieser Brief, da Maimon wahrlich! bei dem sittlich reinen Mendelssohn mit seinem Schmieden von 16 falschen Briefen nicht zu reussiren glauben konnte. Der sittliche Schmutz, der diese ganze Geschichte, von dem Erbrechen des Briefes durch das Berliner Bethdin an, umgiebt, erweist fie nach einem andern Lande, als Deutschland! Mögen Andere die Sache weiter untersuchen! Die Redaction. wie z. B. daß Dieser und Jener durch Zauberkunst zukünftige Dinge vorausgesagt hätte. Die Erzählungen von der eminenten Geistesgröße des Gaons, die noch Keiner, der seine Schriften kennt, bezweifelt hat, würden aber mehr Interesse haben, wenn die Erzähler mehr auf den innern Stoff eingegangen wären, und z. B. bei der Erzählung von der Auflösung einer von der Akademie der Wissenschaft ausgestellten mathematischen Aufgabe durch den Gaon, auch die Aufgabe selbst und deren Lösung mitgetheilt hätten. Wir überlassen es übrigens den Galuzianern, die Dornenstöcke, die dieses Schristchen liefert, zu sammeln und wollen nur zwei naturhifiorische Curiosa dem Gesagten anreihen; daß nämlich die elektrische Telegraphie auf dem schon vom Verfasser des Chajut gekannten Gesetze beruhe: wenn man einen Magnet in zwei Stücke theile und dem einen Theile Eisen nähere, auch das andere Stück, ohne Rücksicht des Zwischenraumes, ebenfalls von dem magnetischen Strome bewegt würde (!); ferner will Einer entdeckt haben, daß das sodomische Salzlager gleichsam die Mutterlauge des salzigen Meerwassers und aller Salzquellen, ja sogar des ausgegrabenen Steinsalzes fei (!). Ein Seitenstück zu diesen naturhistorischen Notizen ist die Mittheilung in der amerikanischen Zeitung Debora, aus der solche in Inen 6'Israel übergegangen ist, daß die Aeols-Harfe, die der Talmud erwähnt, welche aber Viele für eine poetische Fiction hielten, nunmehr von einem Reisenden in Saraket auf Malaga entdeckt worden sei (!). Die Leser brauchen aber nicht nach Saraket zu reisen, um eine Aeols-Harfe zu sehen, denn auch das kleinste physikalische Cabinet in Deutschland besitzt eine solche und auch in allen Handbüchern der Physik ist solche wissenschaftlich erklärt. Um diesen Artikel nicht mit einem Tadel zu schließen, machen wir die Leser auf den vor wenigen Jahren in Warschau von David Luria edirten kritischen Kommentar zu Pirke d'Elieser (130 Bl. in Folio) aufmerksam, der unseres Wissens in Süddeutschland ganz unbekannt, aber — des Verfassers kabbalistische Schwärmereien abgerechnet — das gediegenste rabbinische Product ist, das in unserem Jahrhundert erschienen. Von den andern zahlreichen Schriften des Verfassers ist uns nur seine Abhandlung über das Alter des Sohars bekannt, und es wäre sehr zu wünschen, wenn in diesen so verbreiteten Blättern angezeigt würde, wo diese Schriften zu beziehen seien. R. K.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.