Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 21 (1857)
- Issue
- Heft 12 (16.3.1857)
- Date
- 1857-03-16
- Page
- Seite 156 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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156 Gelehrten zu sprechen. Auf dieser Reise brachte ich den Sabbath 15 Meilen von Wilna in einem Städtchen zu, und übernachtete in einer Herberge, wo ich sehr viele polnische Gelehrte antraf, die von nichts Anderem als von dem Wilnaer Gaon fich unterhielten. Im Gespräche mit denselben sagte ich ihnen, daß der einzige Zweck meiner Reise sei, den Gaon persönlich kennen zu lernen. Da lachten fie mir Alle ins Gesicht und sagten: wie kannst Du glauben, Du bartloser, glattgeschorner Deutscher, daß Du die Schwelle dieses Heiligen betreten darfst? Diese Aeußerung schreckte mich jedoch nicht ab, und in einer schlaflosen Nacht entwarf ich einen Plan, mich unter fremdem Namen bei dem Gaon vorzustellen und zwar als Rabbiner aus Padua, der von 15 italienischen Rabbinen die Mission erhalten, sich über eine allgemeine Angelegenheit mit ihm zu besprechen, daß nämlich die Juden aus Religionshaß aus Italien verjagt würden, wenn sie das Judenthum nicht gegen gewisse Anklagen verrheidigen könnten. Ich fertigte also 15 verschiedene Briefe mit veränderten Schriftzügen von den italienischen Rabbinen an mich selbst aus, in denen die Schwierigkeit dargestellt wurde, einen Mann in Italien zu finden, der die große Verantwortlichkeit übernehmen könnte, der Anwalt unsrer Religion zu sein; sie ersuchen mich daher, da ich aus Polen gebürtig, mit Sprache und Sitte dieses Landes bekannt sei — auch als Gelehrter durch mein Werk über hebräische Synonymik einen Ruf erlangt hätte, nach Wilna zu dem Gaon zu reisen, welcher allein fähig sei, unsere Widersacher zu besiegen. — In Wilna angekommen, ließ ich mich sogleich bei dem Gaon anmelden. Als ich seine Wohnung betrat, sah ich zugleich an der Ordnung und Reinlichkeit, die hier herrschte, daß der Gaon kein gewöhnlicher polnischer Rabbiner sei. Er ließ mich im Vorzimmer warten und durch seinen Bedienten fragen, was eigentlich mein Begehr sei; statt einer Antwort gab ich nun meine 15 Briefe ab. Nach Verlauf einer Viertelstunde öffnete fich die Thür und heraus trat die Ehrfurcht gebietende Gestalt des Gaon, mit Talith und Tefilin geschmückt und meine Briefe in der Hand haltend. Ohne mich einzulassen und ohne mich nur eines Blickes zu würdigen, srug er mich in hebräischer Sprache, über welche Fragen man von ihm eine Beantwortung wünsche; ich legte ihm nun eine vor und harrte seiner Antwort. Er besann sich einige Augenblicke und sagte alsdann, daß ich fortfahren sollte, und so fuhr ich fort, Frage an Frage zu reihen, bis mir der Stoff ausging und nun sagte, daß ich zu Ende sei. Ohne fich alSdann nur einige Augenblicke zu besinnen, erwiederte er: Deine Fragen sind der Zahl nach 73, in der Wirklichkeit sind es aber nur 15; denn die erste ist in der 15., die siebente in der 26. rc. enthalten. Nachdem er so meine Fragen ganz nach logischen Gesetzen 15 Hauptfragen subordinirte, begann er nun in einem klaren, bündigen Vortrage deren Erwiederung. Als er geendet hatte, fragte ich: Wenn nun unsre Gegner Dies und Jenes dagegen einwenden würden? „Du hast mich nicht richtig verstanden", erwiederte er hierauf, und wiederholte seinen Dortrag Wort für Wort, fügte jedoch einige wenige Worte hinzu, womit meine Einreden gehoben waren. Ich wollte mich schon entfernen, als er zu mir sagte: Du hast doch ein Werk über die Synonymen geschrieben, erkläre mir daher die sechs biblischen Ausdrücke für Freude. Nachdem ich solche so gut ich konnte erklärt hatte, machte er mich aufmerksam, daß ich den Ausdruck „dizah" ausgelassen, worauf ich erwiederte, daß dizah kein biblisches Hebräisch sei. Darauf hielt er mir die Stelle in Hiob vor ‘pnn vsobi, wo Taduz nach Raschis Erklärung Freude bedeute. Ich wandte ihm hierauf ein, Raschi sei kein rationeller Schrifterklärer gewesen, und ich bemerkte sogleich, wie er bei dieser Aeußerung schmerzlich zusammenzuckte, und mit Heftigkeit entgegnete er mir, daß doch auch im Midrasch dizah zu den Ausdrücken für Freude gezählt sei. „Es ist doch bekannt, erwiederte ich hierauf, daß die Midraschisten keine vernünftigen Eregeten waren." Bei diesen Worten wandte er sich von mir ab, ging in sein Gemach und ich in meine Herberge. Kaum nach Hause gekommen, wurde ich schon von zwei Pedellen vor die Vorsteher und Beth-din geladen, wo ich sieben alte Männer, mit Talith und Tefilin geschmückt, versammelt fand. Der Aelteste frug mich: „Bist Du der Mann, welcher heute beim Gaon die Midraschisten verhöhnt hat?" Keineswegs that ich solches, erwiederte ich; ich habe nur gesagt, daß fie nicht nach dem einfachen Sinn der Schrift commentiren. Ich wurde hierauf aus dem Sitzungszimmer geführt und nach einer halben Stunde wieder hineingerufen. Der Vorsitzende las mir nun ein Protokoll vor, in dem es heißt, daß ich wegen Verlästerung unsrer Weisen zu 40 Geißelschlägen verurtheilt sei, welches Urtheil zwei Gerichtsdiener auch sogleich an mir vollstreckten. Hierauf wurde ich in den Vorhof der Synagoge geführt, dort mit Fesseln an die Mauer geschlossen und über mir eine Tafel gehängt, worauf zu lesen war: „Dieser Mann wurde wegen Lästerung unsrer Weisen mit Geißelschlägen bestraft." Wer nun zum Abendgebet in die Synagoge ging, blieb vor mir