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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1857-03-16 · Heft 12 (16.3.1857) · p. Seite 155

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
21 (1857)
Issue
Heft 12 (16.3.1857)
Date
1857-03-16
Page
Seite 155 (sequence 5)
Language
German
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ten nach messianischer Befreiung aus dem Galuth dieses Av-tors. — Übrigens ist es für einen Sachkenner ja überhaupt ganz verkehrt, die Stufen der jüdischen Reformen nach den beabsichtigten oder durchgeführten Aenderungen der Synagogengebete zu bemessen. Umgekehrt bewegen sich die Reformen gerade deshalb ausschließlich Ln diesem Gebiete, weil eben der alte Rabbinismus auf dasselbe einen verhältnißmäßig sehr geringen Werth legt und eher das halbe „Sefer (sie) Tefilla" opfern könnte als einen Zoll von der vorgeschriebenen Größe einer Mickwe oder einer Laubhütte. Aber um solche Dinge hadert ja auch gar keine Reformpartei und es ist ein starkes Zeichen, daß die „Eigentlichen" unbewußt ganz bedeutend von ihrem Standpunkt weggespült sind, daß sie immer nur an das Minderwichtige denken. Freilich, würden sie noch, wie sie sich einbilden, die alten „Eigentlichen" sein, so würden sie wie z. B. jene Amsterdamer Gemeinde vor 200 Jahren, als Spinoza und Sabbathai an beiden äußersten Ecken des Judenthums gleichzeitig rüttelten, ihren Friedhof nur auf Bedingung der Nullität kaufen, wenn mittlerweile der Zug nach Jerusalem losginge, sie würden überhaupt — wie es vor 60 — 80 Jahren in Deutschland noch vorkam — Bedenken tragen, Grundbesitz in Europa zu erwerben u. dgl. m. Indessen, dem Verdienste seine Kronen, und von dem „blvs creatürlichen" Rechte, das wir nach Wagener mit Hunden und Katzen, Flöhen und Würmern theilen sollen, bis zu der Proposition einer eonto-mela-Messias- Entreprise ist immerhin ein dankenswerter Fortschritt, und es läßt sich vielleicht ein Papier darauf begründen. Jcks-Jpsilonty-Eisenbahn-Actien und Galuth - Chiliastische-Messias-Promessen können ja leicht auf denselben Courszettel mit notirt werden, zumal wenn sie vielleicht Heide fcOH Wagener'scher Emission wären. Literarischer Wochenbericht. Frankfurt a. M., im März. In Wilna erschien unlängst eine Biographie von Elia Wilna mit verschiedenen zusammengesuchten Notizen von polnischen Gelehrten. Rab. Mecklenburg aus Königsberg theilt darin ein bis jetzt gar nicht bekanntes Schreiben von Salomon Maimon an Mendelssohn mit, das wohl verdient, den Lesern dieser Blätter vorgeführt zu werden. — Die interessante Geschichte dieses Briefes wird wie folgt erzählt: Ein Kaufmann aus Wilna gab bei seiner Reise nach Leipzig über Berlin dem Sohne des dortigen Dajans einen Brief, den er von einem Deutschen zur Beförderung erhalten, um ihn an den Adressaten zu besorgen. Als nun dieser die Adresse an Mendelssohn gelesen hatte, so trug er ihn zuerst zu seinem Vater, dem Dajan, welcher nun hier eine günstige Gelegenheit zu finden hoffte, vermittelst dieses Briefes die sehr verdächtigte religiöse Gesinnung Mendelssohns kennen zu lernen. Der Dajan ging daher mit dem Briefe zum Rabbiner Zewi Hirsch und mit Zuziehung noch anderer Talmudisten wurde der Beschluß gefaßt, den Brief zu erbrechen. Nachdem fie nun zuvor für diesen speciellen Fall den Cherem von R. Gerschon auf die Verletzung des Briefgeheimnisses gelöst hatten, erbrachen sie den Brief, welcher von Sal. Maimon in hebräischer Sprache geschrieben war; Rab. Chajim nahm eine Abschrift davon und hierauf siegelten sie denselben wieder zu. Rab. Zewi Hirsch übergab selbst den Brief an Mendelssohn — als er demselben wegen eines Sterbefalles einen Condolenzbesuch abstattete —, um dessen Ansicht über den Inhalt des Briefes zu vernehmen. Als aber Mendelssohn denselben öffnete und den Namen des Schreibers erblickte, legte er ihn ungelesen bei Seite und sagte wie zu sich selbst: „Was will der Mensch von mir?" — Der Brief selbst lautet also: „Es sind bereits drei Jahre verflossen, seit wir uns in Berlin gesprochen haben; in unserem letzten Gespräch beklagte ich mich über die Rabbiner, daß ihre Geistesrichtung sich nur auf talmudische Studien beschränkte und den erlernen Wissenschaften abhold sei. Als ich nun hierauf aus meiner Reise nach K. kam, hörte ich zu meinem Erstaunen von verschiedenen Seiten die ungeheure Gelehrsamkeit eines Rabbiners in Wilna ausposaunen. Derselbe soll nicht nur die ganze jüdische Literatur im Kopfe haben, sondern auch immense Kenntnisse in allen Zweigen der Wissenschaft besitzen, ja selbst in der von den Rabbinen so verpönten hebräischen Sprachkunde. Da ich die Art und Weise kannte, wie man in diesem Lande mit hyperbolischer Ueberschwenglichkeit zu erzählen pflegt, so habe ich Anfangs kein sonderliches Gewicht auf diese Lobreden gelegt, bis ich später von den glaubwürdigsten und urtheilsfähigsten Männern die Bestätigung vernommen. Ich freute mich, in unsrer Zeit einen Mann finden zu können, der, gleich den Gelehrten der Vorzeit, talmudische Kenntnisse mit allen wissenschaftlichen Disciplinen verbindet, und obgleich dem Greisenalter nahe, faßte ich den bestimmten Vorsatz, sofort nach Wilna zu reisen, um diesen

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