Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 21 (1857)
- Issue
- Heft 11 (9.3.1857)
- Date
- 1857-03-09
- Page
- Seite 147 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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147 bauern soll? Wo Geld hernehmen für Bücher, wenn er für die allernöthigsten Bedürfnisse seiner Kinder nicht genug hat? Es giebt Lehrer, die täglich sechs , ja sogar mitunter sieben Stunden öffentlichen Unterricht ertheilen und wenn sie dann Abends aus der Schule kommen, nicht müde sein dürfen, da ihrer noch Beschäftigung von drei bis vier Stunden (Privatunterricht und Schreiben u. dgl.) wartet und trotz dieser großen Anstrengung^ mit Sorgen und Noth zu kämpfen haben, weil ihre Arbeit nur kümmerlich belohnt wird. Schreiber dieses kennt eine ordentliche Zahl achtbarer Collegen, die aus Liebe zu ihrem Volke und mit dem Streben, der Hebung desselben ihre Kraft zu widmen, in den Lehrerstand getreten sind, und jetzt nicht ohne ein Gefühl von Wehmuth an das Ideal ihrer Jugend sich erinnern. Wenn sie auch ihre Aufopferung nicht bereuen, weil sie wohl wissen, daß in jeder guten Thar eine gute Folge liegt, so würden sie eS doch nicht wagen, einen Sohn einem so undankbaren Berufe, wie der des Lehrers, zu widmen. Während es früher, da sie den Lehrerberuf nur von ideeller Seite, nach seiner sittlichen Aufgabe auffaßten, ihnen Freude machte, junge Leute zum Lehrerberuse zu ermuntern und für denselben zu begeistern, können, dürfen sie dies nicht mehr nach den vielen traurigen Erfahrungen , die sie über die Undankbarkeit ihres Amtes gemacht haben. Oder ist das nicht eine traurige Erfahrung, wenn die wärmste Begeisterung für das Wohl unserer Mitbrüder, das eifrige Streben für intellectuelle und moralische Erziehung der Menschheit durch die Sorge um das tägliche Brot abgekühlt wird, wenn einem Erzieher eben deswegen, weil er sich der Jugenderziehung widmet, nicht einmal gegönnt ist, seine leiblichen Kinder zu erziehen? Ist eS nichteine traurige Erfahrung, zu sehen, wie unsere frühem Jugendgenossen eben deswegen, weil sie kein höheres Ziel als das ihrer ökonomischen Eristenz im Auge hatten, über die wichtigsten Nahrungssorgen erhaben sind, während eben wir Lehrer gerade durch den Kampf mit diesen in jedem bessern Streben gehemmt werden? Wir haben die gewisse Aussicht vor Augen, in nicht gar ferner Zeit entweder Mangel an Lehrern zu haben oder nur bornirte Köpfe sich diesem Stande widmen zu sehen. So war's und wird'S wieder werden. In weiland goldener Zeit des Chedarunwesens, da hatte man billiges und einfaches Schulwesen. Es bedurfte da wenig Zeit und Geld für den Unterricht. Da wußte man nichts von Seminarien und Lehrerprüfungen und all' diesen überflüssigen Firlefanzereien. Die Rebes oder Bachurim entstanden auf eine ganz simple Weise. Es durfte einem in seinen Spekulationen unglücklichen Handelsmann nur in den Sinn kommen, „Kinder anzunehmen", und über Nacht war die Metamorphose geschehen. Siehe da! gar bald war der Handelsmann zum Rebe geworden und seine Privatstube zum Schulzimmer umgewandelt. Da galt's nun, den Matofu, Brich schmeb, Bensche und Anderes auswendig zu lernen, Zeeno ur eno, Simchas nefesch und Kaf ha joscher zu lesen! Am Freitag dann wurde der Tropp gesungen, daß die Gasse davon widerhallte und sich daran jede jüdische Seele erfreute. Auch daS Eramen mit den Zitzis wurde nicht vergessen. An gymnastischen Hebungen fehlte es auch nicht: Kaffeemühlen, Holz spalten und Holz tragen, Wasser holen u. dgl. füllten die Zeit aus, da der Rebe die Schüler nicht zu bethätigen wußte. Von Kenntniß der heiligen Schrift, der israelitischen Geschichte und Religion war keine Rede. Das ist Nebensache! nein, nicht einmal das! Man wußte davon gar nichts. Desto mehr wußten die Rebes den Balebatim aus dem ‘jn» nnsn und yi» über Gehinom und Gan eden zu erzählen und die Bewunderung der wißbegierigen Weiber zu erregen. Da wurde die Jübischkcit auch noch recht im Munde geführt. Kein Wunder, wenn die Ultramontanen — die sich den Namen der Orthodoren vindiciren — über die reformsüchtigen Rabbiner und Lehrer Klage führen, die diese Jüdischkeit verdrängen, um einer gründlichen und wissenschaftlichen Religion Platz zu machen. Laßt aber noch eine Zeit vorübergehen, so werden die begeisterten, wissenschaftlich gebildeten Lehrer auf die eine und andere Weise abnehmen und zuletzt schwinden. Doch hoffen wir, es werde nicht dazu kommen. Es giebt schon ein Mittel zur Hebung unseres Schulwesens und das befindet sich in den Herzen der israelitischen Familien. Fragen wir den einen oder andern Vater, diese oder jene Mutter: für was und für wen sind alle Euere Bemühungen? Und wir erhalten die Antwort: für wen denn, als unsere Kinder! Nun so sorget auch für ihre Erziehung! Setzet ihre Erzieher in den Stand, daß sie ihre volle Kraft der Erziehung Euerer Kinder weihen können, daß sie über die drückendsten Nahrungssorgen erhaben sind! Theil- 1 1 -st *