Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 21 (1857)
- Issue
- Heft 11 (9.3.1857)
- Date
- 1857-03-09
- Page
- Seite 145 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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145 Oesterreichischer KaLserstaat. Brünn, Mitte Februar. (Eingesandt.) Ich theile Ihnen folgendes lithographirtes Umlaufsschreiben an die Gemeindevorstände in Mähren von einem sehr achtbaren Mitgliede aus Boskowitz mit, das Sie und viele Leser wegen der darin vorkommenden im Judenthume ganz ungewöhnlichen Ausdrücke ungemein überraschen wird. Ich enthalte mich aller weitläufigen Reflexionen und Bemerkungen über dieses sonderbare Circular, die ich dem Leser überlasse, und gebe hier blos ausführlich den Inhalt, der jedenfalls ein eigenthümliches Zeichen der Zeit ist. „Ehrsamer Vorstand! Der Herr Ignatz Deutsch, Hofwechsler in Wien, der im Jahr 1855 von der jüdischen Synode zu Jerusalem zum Curaror der österreichisch-deutschen Juden in Palästina gewählt wurde u. s. w., hat mich durch ein rechtskräftiges Dokument im übertragenen Wirkungskreise zum Curator der bezüglichen Angelegenheit in einem Theile der mährischen Israeliten-Gemeinde ernannt. In dieser Eigenschaft erlaube ich mir an Sie die höfliche Bitte zu stellen: Sie mögen einen biedern und frommen Mann aus Ihrer Mitte zum Controleur der für die österreichisch-deutschen Juden in Palästina bestimmten Büchsen gelber und anderweitigen Spenden ernennen, welcher hinfort nach Ablauf von je 3 Monaten mir mittelst Post die zusammengeflossenen Gelder übersende. „DaS Bewußtsein, daß daS Schicksal unserer hülfsbedürftigen Brüder in Palästina sie größtentheilS auf die milden Gaben ihrer Glaubensgenossen in Oesterreich (?) hinweist, daß sie die Hoffnung auf Verbesserung ihrer Lage auch in unserer opferfreudigen Liebe suchen, möge, im Hinblicke auf unser heiliges Stammland, das Erbarmen und den regen Wohlthätigkcitssinn — dieses unveräußerliche Erbe Israels — zu eifriger Bethätigung entflammen*). — In der sichern Erwartung, daß mein gestelltes Ansuchen von gewünschtem Erfolge begleitet sein wird, zeichnet mit wahrer Hochachtung Boskowitz, 1. Februar 1857. Nathan Löw Beer." So weit das schwerfällige Circulandum! Haben *) Werden nicht die Juden in Palästina von den Juden in allen fünf Welttheilcn erhalten? Sie etwas von dieser Synode im heiligen Lande gehört? Wissen Sic irgend ein Beispiel in der Geschichte von einer jüdischen Synode? Ist dies wohl gar eine zweite Synagoga magna, eine Kneßcd Hag'- dola?? Und diese großartige Institution ist so still, so geräuschlos vor sich gegangen, hat bisher kein einziges Lebenszeichen von sich gegeben, als die Ernennung des Herrn Ignaz Deutsch (die heilige Synode schreibt al pi Kabbala Ignatz), HofwechslerS in Wien, zum Naßi-Curator in parlibus infidelium! Wahrlich, eine seltsame Begebenheit — und der künftige Geschichtschreiber wird der Räubersynode in Ephesus die Bettlersynode zu Jerusalem Anno 1855 an die Seite stellen können! Doch wir müssen dem Inhalte noch einige Aufmerksamkeit schenken, der daS ganze Gebahren dieser frommen Männer kennzeichnet. Hat Herr Ignatz Deutsch wirklich die Vollmacht von der großen Synode erhalten, die „Büchsengelber für Palästina" blos für die österreichisch-deutschen Juden Palästinas einzusammeln und blos an die österreichisch-deutschen Juden in Palästina zu vertheilen? Warum sollen die Tausend und aber Tausend armen Juden in Palästina, die daselbst seit undenklichen Zeiten wohnen und Palästina als ihr wirklicheö Vaterland betrachten, weil sie hier geboren und erzogen sind — und auch den Kern der jüdischen Einwohner Jerusalems bilden, von den milden Gaben, die ihnen bisher ohne Unterschied der Nationalität zugeflossen sind, ausgeschlossen bleiben? Die Zahl der österreichisch-deutschen Juden in Jerusalem ist ja sehr klein! Wer hat Herrn Deutsch zu dieser Eigenmächtigkeit autorisirt? Hat er von den österreichischen Gemeinden, wenigstens von den Hauptgemeinden der Provinzen des Kaiserstaates, dazu eine Vollmacht? Nach gewöhnlichen Rechtsbegriffen haben die Geber über die Art und Weise der Verwendung der Gaben und Spenden sich auszusprechcn und Jemanden damit zu bevollmächtigen — und hier ist alles verkehrt! Früher haben die Spenden für Palästina vorzüglich R. Moses Sopher in Prcßburg, R. Mordechai Benedict in Nikolsburg re., also die vorzüglichsten Rabbiner, die das Vertrauen der gesammten Judenschaft in Oesterreich genossen »md wirklich die Lehrer des Volkes waren, in Empfang genommen, denen die Gemeinden stillschweigend alle Rechte einräumten. Wer ist aber Ignaz Deutsch? Durch welche patriotische That hat er sich bemerkbar 11