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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1857-02-23 · Heft 9 (23.2.1857) · p. Seite 111

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
21 (1857)
Issue
Heft 9 (23.2.1857)
Date
1857-02-23
Page
Seite 111 (sequence 3)
Language
German
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111 welche Sinn für Bildung haben, halten sich entweder Hauslehrer oder schicken ihre Kinder in die Penfionsanstalten der größeren Städte Preußens. Außerdem vegetirt auch wohl da und dort noch ein sogenannter Privatlehrer, der in der Regel nicht geprüft ist und seine Eristenz dadurch fristet, daß er die Söhne einiger oder mehrerer Familien im Lesen und Schreiben — selten aber in der polnischen und noch seltener in der russischen Sprachlehre instruirt. Die meisten Kinder der polnischen Juden kennen keinen anderen Unterricht als den der M'lamdim und bringen die ganze Zeit in den Chedarim zu, wo Mischnah und Talmud Hauptlehrgegenstände sind, während selbst Bibel und hebräische Grammatik nur stiefmütterlich behandelt werden und an profane Lehrobjecte erst gar nicht zu denken ist. — Nach den neuesten Berichten ans Rußland soll indeß das dortige Gouvernement damit umgehen, das jüdische Unterrichtswesen in Polen von nun an streng zu überwachen und namentlich nicht mehr zu dulden, daß die jüdischen Kinder daselbst von ungeprüften Lehrern unterrichtet würden. Wenn aber — wie hinzugefügt wird — die Beaufsichtigung der Lehrer und der Schulen Seitens der Regierung in die Hände der Rabbiner gelegt werden soll, so muß die ganze beabsichtigte Reform Jevem lächerlich Vorkommen, der in seinem Leben nur je einmal Gelegenheit gehabt, irgend ein Eremplar des polnischen Rabbinerthums kennen zu lernen." — Und dennoch ist dies nicht allein Schuld der Juden. Denn abgesehen davon, daß wohl schwerlich in irgend einem Lande, insbesondere bei einer alten heruntergekommenen Bevölkerung, das Schulwesen ohne strenge Einwirkung des Staates geregelt und verbessert worden, daß es demnach Beruf jeder Staatsregierung ist, die Schuleinrichtungen durch gesetzliche Vorschriften zu ordnen und herzustellen — wurde es unter der vorigen Regierung den Juden gemeinden in Polen abgeschlagen, auf eigene Kosten Elementarschulen errichten zu dürfen. Es ist authentisch, daß mehrere Gemeinden, die wiederholt um die Erlaubniß anhielten, die Bewilligung der Regierung nicht erlangen konnten. Es ist authentisch, daß der Fürst Paskiewitsch einem jungen Juden, der um Befreiung vom „Tagzettel", einer Abgabe, welche jeder Jude, sobald er die Thore Warschaus passtrt, während des Aufenthalts dort täglich bezahlen muß, bat, um die Elementarschule in Warschau besuchen zu können, antwortete: „Wir brauchen keine gelehrten Juden!" (Nam nie nada ucrourd Evvreövv.) Mit welchem Rechte muß man daher vor Allem Verallgemeinerung und Regelung des Schulwesens verlangen , ohne dabei ans etwaige Einsprache des Hausens zu hören. Literarischer Wochenbericht. „Ueber das Leben und die Schriften M u s a b e n Maimun's (Maimonides). Vorlesung, gehalten zum Besten des Kant-Denkmals von Dr. H. Jolowicz. Königsberg, 1857." — Die kolossale Gestalt des Maimuni kann nicht oft genug vor die Augen geführt werden. Die außerordentliche Fülle seines Geistes, die intellectuelle und sittliche Urkräftigkeit seiner Erscheinung erheben über das Gewöhnliche, und feuern zum Höchsten und Besten an. An solcher Menschen Betrachtung erfrischt die gelähmte Schwinge ihre Kraft. Maimuni's Biographie zu schreiben, wird immer von Neuem wieder verdienstlich sein. Es ist in obiger Vorlesung mit Klarheit, Umsicht und Sachkenntniß geschehen; der Styl einfach, nett und ungezwungen ) die Farben mäßig aufgetragen, weil der Gegenstand nichts Anderes bedarf. Dennoch loben wir es nicht, daß, statt ausführlicher Schilderung der positiven Wirksamkeit Maimuni's, in tendenziöser Absicht viel mehr sein negativer Erfolg der starren Orthodorie gegenüber bervorgehoben ward. Schlagen wir auch Maimuni's Wirksamkeit für philosophische Auffassung des Judenthums nicht gering au, so waren doch seine Arbeiten und Einwirkungen gerade zu Gunsten der Orthodorie größer. — Aus Mähren, 10. Februar. (Von Rabb. D. Oppenheim.) Zu den bisher völlig vernachlässigten und brach gelegenen Gebieten, die sich erst in neuerer Zeit einer besondern Pflege erfreuen, gehört vorzüglich der Synagogengesang, der besonders seit einigen Decennien, gleichsam seit dem Aussterben des alten Chasanimgeschlechtcs und der Ueberhandnahme der sogenannten ganz und gar prosaischen Baale Thevhiloth, Vorbeter, in Verfall gerathen ist. Dem in der Synagoge wieder erwachten ästhetischen Sinne haben wir nun eine Menge recht trefflicher Synagogalgesänge in umfangreichem Werke und Sammlungen zu verdanken. Das Bedürfniß nach einem geregelten, melodiösen Synagogalgesange ist so allgemein, daß dagegen alle Spaltungen und Parteiungen des religiösen oder besser cultuellen Lebens im Judenthume verstummen und in den Hintergrund treten müssen. Nicht blos die sogenannten Chortempel, selbst die conservativen 9 *

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