Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1857-02-16 · Heft 8 (16.2.1857) · p. Seite 103

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
21 (1857)
Issue
Heft 8 (16.2.1857)
Date
1857-02-16
Page
Seite 103 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3226039-3226048--15922-3244744
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

los sich nach Beendigung seiner Gymnasial- und philosophischen Studien in der Wahl seines künftigen Berufes lediglich auf den eines Wundarztes angewiesen und ward Hörer der Chirurgie an der Universität zu Pesth. Dies hinderte jedoch den strebsamen und vielfach begabten Jüngling nicht, nebenher auch sprachwissenschaftliche Studien zu treiben. Hierdurch' gewann er die Mittel, sich den Weg zu einer günstigern Lebensstellung zu bahnen und nach zurückgclegtem Studium der Chirurgie das der Mebicin an der Wiener Universität anzutreten, indem er durch Ertheilung von Privatunterricht in der englischen, französischen und italienischen Sprache sich seinen Unterhalt selbst zu beschaffen vermochte. 1822 zum voctor meclioinae et e.Kirurgise promovirt, kam er nach Galizien, heirathete da eine Tochter des nunmehr auch bereits Heimgegangenen Ur. Jakob Rappaport — dessen Name in der ärztlichen Welk weit über das Weichbild Lembergs hinaus von gutem Klange war — und trat um 1823 seine praktische Laufbahn hier an. 1824 zum Sladtphysikus und bald darauf auch zum ordinirenden Arzte am israelitischen Krankenhause ernannt, erwarb er sich unsterbliche Verdienste um die hiesige Judenschaft durch Abstellung des altherkömmlichen und daher geheiligten Mißbrauches der allzufrühen Beerdigung der Tobten. Mit unbeugsamer Strenge überwachte er seither die genaue Befolgung der diesfalls bestehenden Vorschriften. Nicht minder verdient machte er sich durch die Reorganisation des in ziemlich verwahrlostem Zustande überkommenen Krankenhauses, an dessen Ausbau und Erweiterung er, nachdem es im Jahre 1833 durch ein Legat des seligen Jüdel Nathansohn reichlich dotirt worden, in Verbindung mit dem würdigen hiesigen Banquier, Herrn Mayer Kallir, eifrigst und mit dem besten Erfolg arbeitete, und ist es lediglich ihrem gemeinsamen kräftigen Auftreten zu verdanken, daß jenes Legat nach dem Willen deö Legators verwendet und nicht, gleich vielen andern hier zu milden Stiftungen gewidmeten Fanden, vergeudet worden und spurlos verschwunden ist, und daß das hiesige israelitische Spital für die Dauer begründet, zur Zeit in Ansehung der Räumlichkeiten sowohl, als der Ordnung und Reinlichkeit und der Pflege und Behandlung der Kranken als heilwirkendes Muster dasteht. Mil gleichem Eifer benutzte der Verewigte ein ebenfalls vom seligen Jüdel Nathansohn zu Gunsten eines hier erst zu begründenden christlichen Spitals vermachtes Legat von 5000 Fl., um mit Hülfe einer durch ihn veranstalteten Sammlung milder Beiträge ein solches Spital wirklich ins Dasein zu rufen, das unter seiner Leitung biö nun trefflich prosperirte. Der hier bestandenen israelitischen Realschule stand er seil 1835 bis zu deren im Jabre 1853 erfolgten Umwandlung in eine k. k. vollständige Unter-Realschule als Inspektor mit Ehren vor. 1841 Witlwer geworden, verheirarhete er sich 1842 zum zweiten Male. Seine erste Ehe blieb kinderlos, aus der zweiten hinterläßt er einen l 3jährigen Sohn. Gleichwie er sich in seiner amtlichen Stellung wegen seiner ausgezeichneten BerufSlüchligkeit und strengen Pflichterfüllung des vollsten Zutrauens und der ehrendsten Anerkennung Seitens der hohen Regierung zu erfreuen hatte, wie dies die ihm von hohen und höchsten Behörden gewordenen vielfachen Belobungen und namentlich die ihm im Jahre 1848 von Sr. Majestät Kaiser Ferdinand I. verliehene mittlere goldene Ehrenmedaiüe mit Oehr und Band zur Genüge erweisen; eben so verstand er es, in seinen privatlichen Beziehungen durch maß- und würdevolles Benehmen, gehoben durch seine feine und gediegene Bildung und durch sein gewinnendes ernstfreundlicheS Wesen sich die allgemeinste Hochachtung und Zuneigung zu erwerben. Rühmliche Erwähnung verdient eS auch, daß der Verstorbene, trotzdem er sich zumeist in dem Judenthume fremden Sphären bewegte, doch stets eine innige Anhänglichkeit zu dem Glauben seiner Väter bewahrte und bei keiner Gelegenheit unterließ, die wärmste Theilnahme an den Interessen seines Volkes zu bethätigen. Gegenstand allseiligster Verehrung im Leben, erregte er durch seinen Tod die allgemeinste und tiefste Theilnahme, welche den sprechendsten Auödruck in der unzähligen Menschenmenge fand, die mit ernstem Schweigen seiner Bahre folgte und worunter man mit wohlthucnder Befriedigung auch die Vorsteher und Beamten der hiesigen k. k. Behörden, hohe Militärs, Männer und Frauen auö allen Ständen der hiesigen christlichen Bevölkerung und nebst den Schülern der deutsch-israelitischen Haupt-.und Mädchenschule auch die der k. k. Unter-Realschule, geführt von ihren Lehrern, gewahrte. So viel Ehre nach dem Tode ist daS glänzendste Zeugniß eines ehrenvollen Lebenö. Friede seiner Seele! Ruhe seiner Asche! — «. R. 8

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.