Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1857-02-16 · Heft 8 (16.2.1857) · p. Seite 99

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
21 (1857)
Issue
Heft 8 (16.2.1857)
Date
1857-02-16
Page
Seite 99 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3226039-3226048--15918-3244740
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

hat die Hand des Todes dies Dasein gerade zu einer Zeit geendet, wo er mit einer großen That die Schöpfungen seiner Jugend krönen sollte; und der dämonische Einfluß, der sich diesem Leben sonst so günstig erwiesen, ihm eine so seltene Grenze gesteckt, hat mit einer Art Neid ihm die Gunst versagt, den letzten stolzen Bau seiner Forschungen zu vollenden. Die Literaturgeschichte der Araber ist und bleibt selbst solch ein stattlicher Torso. Und so ist denn unser obiges Motto auch in diesem Punkte bewährt. Denn wenn er auch im Vaterlande, in der Mitte der Seinigen dem Loos der Vergänglichkeit erlegen ist, so geschah dies zu einer Zeit, als sein Geist in der That am Saume bewohnter Länder weilte. Zwar den Preis der Gründlichkeit und Genauigkeit wird die Kritik diesen Arbeiten versagen; und diesen einen Sieg müssen wir der Todtenrichterin allerdings einräumen. Aber wer wird auch von einem Rubens verlangen, daß er die Farbe des Sammet mit der Virtuosität eines Denner nachahme! Hammers Arbeiten tragen entschieden den Stempel einer gewissen Eilfertigkeit; diese Eilfertigkeit selbst aber entsprang gewiß aus dem Bewußtsein der großen Aufgabe seines Lebens und aus einer edlen Furcht vor dem allzufrühen Ende. Velocitas juxlä formidinem, cunctatio propior constantiae est. „Behendigkeit ist mit der Furcht verwandt, langsame Bewegung steht der Beständigkeit näher." Tacitus. Hammer war ein Oesterreicher; es wäre kleinlich, dies anders als beiläufig erwähnen zu wollen, kleinlich, ihm ein Vaterland geben zu wollen. In den schöneren Tagen griechischen Lebens würden sich Städte seine Wiege streitig gemacht haben. Damals würde er sich aber auch kaum an eine Heimath gefesselt, sondern dem Wandertriebe in edler Freiheit gehorcht haben, der dem schaffenden Geiste zu allen Zeiten eigen war. In unseren Tagen aber nöthigi die Fessel des Schicklichen und Hergebrachten auch das beste Streben in eine enge, sehr enge Schranke. Wenige haben den Muth, die freiwillige Dienstbarkeit des Staats- und Herrendienstes abzuschütteln und in edler Ungebundenheit die Früchte des Talents und der productiven Kraft zu pflücken. Auch der Edelste und Würdigste findet flch zurecht in dem engen Bette vorgeschriebener Diensteslaufbahn; und ein großes Opfer und einen Verlust schmückt er in leidigem Selbsttroste mit den Namen: Ausgleichung und Versöhnung mit der wirklichen Welt. Hamwer war ein Stäatsdiener; wir vermerken dies als einen Beweis, daß auch der hervorragende Geist sich nicht leicht dem Einflüsse veränderlicher Sitte entzieht und unbewußt der Zeit Opfer bringt. Doch diesen gefeierten Mann konnte die kleinere Pflicht dem großen Berufe nicht entfremden: wie er vor uns steht, ist es nur der Weltbürger, der große Ehrenzeuge seiner Zeit und seines Geschlechtes. So lange die Vorsehung von Menschenalter zu Menschenalter Sterbliche mit solcher Kraft und solcher Größe ausrüstet, so lange dürfen wir und wollen wir an keinen Verfall der Zeit und der Menschheit glauben. Ja selbst, daß der Verblichene schon hier einen Theil des Lohnes dahinnahm, daß sein Leben von der Sonne des Glückes verschönt war, daß seine Mitbürger ihn verstanden und geehrt haben, mögen wir gern unseren Tagen zum Ruhme deuten: denn es war nicht immer so. Die Anfänge dieser weitverzweigten schriftstellerischen Thätigkeit fallen mit den Bestrebungen der Weimarischen Epoche zusammen. Hammer - Purgstall , der Jüngling, gehörte noch zu den fleißigen Mitarbeitern des deutschen Merkur, den Wieland herausgab. Hammer schrieb deutsch; unter der langen Liste seiner Schriften findet sich meines Wissens keine, die in einer fremden Zunge abgefaßt wäre. So frei war dieser berühmte Forscher vom gelehrten Eigendünkel, daß er volksthümliche und verständliche Darstellung höher stellte als schmuckvolle und glänzende Form. Er schien hierin die Ansicht Börnes zu theilen: Allen Leuten von Kopf, allen, die ihre eigenen Gedanken und Gefühle haben, fällt es schwer, sich in einer fremden Sprache auszudrücken. Aber freilich, die mangelnde Grazie hat er uns damit nicht ersetzt: die Geister der Schönheit find bei seinem Style nicht Gevatter gestanden, und seine poetischen Uebertragungen, und vollends seine Originalverse konnten dem beißenden Spotte nicht entgehen. Dies reiche Leben verheißt uns einen reichen Nachlaß. Nicht nur liegen die Quellen und Materialien zur Vollendung begonnener Werke ziemlich vollständig vor; auch über sein Leben und die Geschichte seiner Zeit fin- ( den sich höchst umfangreiche Denkwürdigkeiten im Besitze seiner Freunde. Wohl stand dem verdienten Manne ein Urtheil zu, wie Wenigen; denn eine der größten und bewegtesten Epochen der Geschichte ist mit diesem Menschenleben zugleich abgelaufen. Er aber stand ruhig und gelassen dabei, als die Formen der Gesellschaft und der bürgerlichen Ordnung eine Wandelung nach der anderen er-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.