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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1857-02-09 · Heft 7 (9.2.1857) · p. Seite 83

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
21 (1857)
Issue
Heft 7 (9.2.1857)
Date
1857-02-09
Page
Seite 83 (sequence 3)
Language
German
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83 Quelle ist, welche die ärmere jüdische Bevölkerung aufgeregt und unzufrieden schildert, aus der vor Kurzem dir Korrespondenzen gegen die reicheren stoffen, welche diese gegen Vorenthaltung der Brennereigerechtigkeit aufsässig bezeichnten. Wir sind fern davon, die Juden des großen Czarenreiches reinbrennen zu wollen. Sie leiden an vielen und tiefliegenden Gebrechen. Billige Rücksicht auf den namenlosen Druck von vielen Jahrhunderten würde diese Gebrechen nachsichtig beurtheilen; aber wir sehen hiervon ab: es ist unser höchster Wunsch, daß sie geheilt werden. Um sie zu heilen, find aber nicht Gewaltmaßregeln, die auf die letzten Aeußerlichkeiten gehen, geeignet, sondern nur drei Wege: das Schulwesen zu regeln und allgemein zu machen — in ganz Polen durste bis jetzt nur eine jüdische Lehranstalt epistiren, in Warschau, und die sie besuchet wollenden Knaben aus der Provinz sollten die unerschwingliche Abgabe der Tagszettel entrichten —- die bürgerliche Lage durch Aufhebung der Ausnahmegesetze zu erleichtern und die schweren Ausnahmsabgaben zu vermindern. Dies ist der einzige Weg, der zum gedeihlichen Ziele führen kann, und nun fragen wir: ob, wenn einmal die deutsche Presse sich mit den russischen Juden beschäftigen will, es nicht vielmehr der Beruf derselben sei, auf jenen Weg immer wieder hinzuweisen, als einen unglücklichen Menschenstamm mit Haß und Spott zu verfolgen! Die russischen Juden aber vertrauen fort und fort ihrem hochherzigen Kaiser, dessen Gerechtigkeit und Humanität alle Jntriguen zu Schanden machen wird, wie bisher! Neber den Geschmack unsrer Ieit. Lieber junger Freund! Sie wünschen, daß ich Ihnen auf die Frage, die Sie mir jüngst vorlegten, Antwort, und zwar öffentlich Antwort gebe. Ich stehe nicht an, da die Sache noch gar Manchen interesfiren kann. Da Sie den Beruf in sich fühlen, als Schriftsteller für und auf Ihre Glaubensgenossen zu wirken, fragen Sie: welch' ist jetzt die allgemeine Geschmacksrichtung, insonders bei unseren Glaubensgenossen? Denn Sie gehen von der Ansicht aus, daß man auf jene eingehen müsse, wenn man eine allgemeinere Wirkung erzielen wvlle. Hier meine Antwort. Allerdings meine ich, daß der Genius sich feine Bahn brechen müsse, daß er aus sich selbst zu schöpfen habe, welchen Weg er einzuschlagen, wenn es gelingen soll. Jndeß habe ich doch Männern begegnet, die sich eher Gegebenem anzuschmiegen vermochten, als selbst und Neues zu schaffen, und dann doch etwas Tüchtiges leisteten. Was nun die Geschmacksrichtung des gegenwärtigen Geschlechts betrifft, so charakterisirt sich diese nach zweien Seiten hin, die ich just nicht loben kann. Wie es mit solchen Dingen stets geht, so sind sie an sich gut, als einzelne Glieder des Ganzen, des ganzen geistigen Lebens. Aber sie werden verderblich durch ihre Ausschreitung, dadurch, daß sie den ganzen geistigen Organismus überwuchern, und sich die Alleinherrschaft aneignen, während sie nur untergeordnete Gliedmaßen sein sollten. Sehen wir auf das allgemeine Publikum, so gewahren wir leicht, daß die einzige Lectüre, die ihm noch mundet — der Roman und die Novelle ist. Jede ernste, Nachdenken erfordernde Lectüre ist ihm zuwider; höchstens darf man ihm Derartiges in kleinen Stücken als „Leitartikel" zumuthen. Wie hat sich darin der Geschmack seit einem Jahrhundert geändert. Während damals Alles metaphyfirte, philosophirte, raisonnirte, eine gute Definition eine Errungenschaft war, eine scharfsinnige Auseinandersetzung Kronen erwarb — ist dies Alles in völligen Mißcredit gerathen, und selbst die Leute von Fach, die Männer der „Wissenschaft" wollen nicht damit behelligt sein. Hingegen finden Roman und Novelle stets ihr Publikum und werden heißhungerig verschlungen. Als ich im vorigen Jahre meine „Reden wider den Unglauben" durch das Institut herausgab, glaubte ich wirklich noch an einen guten Erfolg. Sie sind faßlich, warm, über Alle interesstrende Gegenstände, mit Facten aus der Natur und Menschenwelt durchwirkt. Aber als ich sie „an alle d e n - kenden Israeliten" überschrieb, dachte ich nicht daran, daß es jetzt so wenige „denkende" Israeliten giebt; sie haben nur wenig Anklang gefunden, und — mehrere wohldenkende und ernste Männer schrieben mir: „Möchten Sie doch die darin enthaltenen Wahrheiten in Novellenform vortragen!"... Ein anderer, sehr einsichtsvoller Mann sprach mir schon mehrere Male davon, daß das Institut, um dem immer mehr einreißenden Mangel von Kenntniß der jüdischen Satzung zu begegnen, veranlassen sollte, „daß die einzelnen wichtigen Capitel des Schulchan Aruch in Novellen vorgeführt würden."... Man wird zugeben müssen, daß dieser Gedanke, so pittoresk er anfänglich erscheint, gar nicht so Übel ist. Vergessen wird freilich! dabei, daß eine gute Novelle zu 7*

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