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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1857-02-09 · Heft 7 (9.2.1857) · p. Seite 82

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
21 (1857)
Issue
Heft 7 (9.2.1857)
Date
1857-02-09
Page
Seite 82 (sequence 2)
Language
German
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8S Artikel deutscher Zeitungen angeführt, welche in einer selten vorgekommenen Weise Hohn und Derdammniß über die anderthalb Millionen russischer und polnischer Juden au-sprachen. Aber wir können jetzt kaum ein Tagesblatt ausschlagen, wo nicht dergleichen zu finden wäre, mag sonst die politische Färbung deS BlatteS sein welche sie wolle. Die Quelle und die Absicht dieser Gehässigkeiten liegen zu Tage. Alexander II. hat bei seiner Thronbesteigung „Gerechtigkeit für Alle" verheißen. Er hat begonnen, diese Verheißung zu erfüllen. Die furchtbaren Ausnahmegesetze bei der Recrutirung für die Juden wurden aufgehoben; promovirten Juden der Staatsdienst eröffnet, vaö jüdische Schulwesen belebt. ES ist dies viel, aber noch lange nicht genug, denn der schwrrvrückenden Härten deS russischen Gesetzes gegen die Juden sind gar viele. Aber es ist schon allzuviel für Diejenigen, in deren Interesse eS liegt, die Juden zu zermalmen und mir Füßen zu treten. DaS einfachste Mittel ist, die europäischen Blätter mir verleumderischen Artikeln zu überschwemmen, welche die russischen Juden im gehässigsten Lichte, unwürdig jeder Verbesserung ihrer Lage, trotzend jedem Mürel, fie zu cultiviren, zeigen. Daß dies Mittel nicht schlecht gewählt ist, ersieht man daraus, daß eS schon nicht ohne Folgen geblieben, indem daneue BeurlaubungSgesetz wieder eine AusnahmSvorschrift gegen die Juden enthält, welche erst nach 20jährigem Dienste sollen beurlaubt werden können, während das andere Militär nach 8- und löjährigem Dienste. Wir sagten die europäischen Blätter — aber leider! geben sich die engli-- schen und französischen Zeitungen zu dergleichen Manoeuvres nicht her, und man bleibt daher auf die deutschen beschränkt, die sich dazu auch willig finden lassen. Daher bald in diesem, bald in jenem Blatte solch' ein feindlicher Artikel, und die zahllosen deutschen Zeitungen haben dann nichts eifriger zu thun, als diese Artikel abzudrucken und Chorus zu machen. So bringt die „Frankfurter Postzeitung" aus Posen eine Correspondenz, wo es unter anderen Schmähungen des russischen Juden auch heißt: „er ist im Allgemeinen zu weichlich und zu feige, um einen zwanzigjährigen Militärdienst auszuhalten." — Die „Deutsche Allgemeine Zeitung" bringt folgenden Artikel, welchen die meisten deutschen Zeitungen getreulich wiedergeben: „Unter den Juden in Polen ist gegenwärtig eine Art (freilich ungefährlicher) Revolution ausgebrochen, seitdem die neuesten Verordnungen des Kaisers Alexander II, sie aus ihrem unglaublichen moralischen und physischen Schmutz zu heben bestimmt sind. Zunächst behagt ihnen nicht die allgemeine Militärpflicht, wenngleich ihnen em Avancement zugefichert ist; fie möchten lieber durch allerlei kleine Mttfl, wie bisher, der persönlichen Dienstpflicht enthoben sein. Dann widerstrebt die ihnen zugewiesene Beschäftigung mit dem Ackerbau ihren angeborenen Neigungen gänzlich. Endlich und vor Allem sind eS hie neuesten Verordnungen wegen der Kleidung, welche die dortigen Juden zur Verzweiflung uno um ihre Seelenruhe bringen: der Jude soll seinen langen schmutzigen Tatar und seine Peißen (herabhängende Ringellocken an den Schläfen) ablegen, und die verheiratheten Frauen sollen nicht mehr ihr Haupthaar kahl abscheeren dürfen. Die neue Verordnung macht die Rabbiner für die Ausführung verantwortlich und diese sind in Verzweiflung, da sie den Gehorsam durch kein Mittel erzwingen können." So viele Worte, so viele Lügen! Zuerst ist es Lüge, daß den russischen Juden das Mliiräravancement zrrgestchert sei. Sie können auch nach 20jährigem Dienste nicht einmal Unterofficier werden. Dann ist eS unwahr, daß die russischen Juden durch allerhand kleine Mittel der persönlichen Dienstpflicht enthoben waren, da im Gegentheil seit Jahrzehenden bis jetzt die Juden einer fast dreifachen Recrutirung im Verhältniß zu den Christen unterzogen waren, die russische Branka nicht den Greis und nicht daS Kind verschont und die Wenigen, welche über die preußische Grenze kamen, zumeist in Folge des CartelS wieder ausgelieftrt wurden. Eine dritte Lüge ist, daß ihnen die Beschäftigung mit dem Ackerbau zugewiesen sei, da im Gegentheil der Erwerb von Grundstücken für die Besitzenden durch gesetzliche Beschränkungen fast unmöglich ist, und den Armen noch bis heute kein Land vom Himmel fällt. Im Uebrigen wünschen wir dem Posener Correspondenten der „Frankfurter Postzeitung", zwanzig Jahre im Soldatenrocke zu stecken, etwa vom zwanzigsten bis vierzigsten Lebensjahre, um zu sehen, ob es blos Feigheit und Weichlichkeit sei, welche es anders wünschen können. Nein! die russischen Juden wollen so wenig wie die preußischen, die man der Dienstpflicht entheben wollte, aber sie wehrten sich dagegen mit aller Macht, dem Vaterlande ihre Dienste entziehen; fie haben nicht minder am Kaukasus wie in der Krim ihr Blut vergossen, sie folgen eben so willig wie irgend ein Anderer dem Rufe ihres Kaisers — wenn man nur fie in gleicher Weise behandeln wollte, wie jeden andern Unterthan und Soldaten, wenn man fie nicht mit den drückendsten Ausnahmegesetzen belegte. Aber man fleht leicht, daß es dieselbe

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