Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 21 (1857)
- Issue
- Heft 6 (2.2.1857)
- Date
- 1857-02-02
- Page
- Seite 75 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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TO OesterreichLscher Kaiserstaat. Aus Böhmen, 5. Januar. (Privatmitth.) DaS Jahr 1856 ging zu Ende, und hat uns Juden noch keine Aenderung des Provisoriums gebracht. Da nun somit die früheren Verordnungen bloS vertagt, nicht aber ausdrücklich aufgehoben sind, so glauben viele Beamte sich gar ein Verdienst zu erwerben, wenn sie beschränkenden Verordnungen die möglichst weite Ausdehnung geben und auf den möglichst ältesten Ursprung zurückgehen. So kam eS vor Kurzem in einem Städtchen Böhmens vor, daß ein Jude, der bereits seit einigen Jahren von einem Bauern Grundstücke in Pacht hatte und den Pacht jetzt erneuern, so wie den Vertrag grundbücherlich vormerken lassen wollte, von der Behörde die strengste Weisung erhielt, den Pachtvertrag sofort aufzulösen, indem ein Jude Rusticalgründe*) nicht in Pacht nehmen dürfe! — In demselben Städtchen ist jetzt wieder ein ähnlicher Fall in der Schwebe. Ein Gewerbsmann, vulgo Gerbermeister, ist im Besitze eines HauseS, deffen Räumlichkeiten der Ausdehnung seines Gewerbes nicht mehr entsprechen und wollte es daher mit einem andern passenderen Hause vertauschen, welches aber unglücklicher Weise einem Christen angehörte; die beiden Hausbesitzer waren zwar bald mit dem Tauschhandel einig, doch der Gesetzerecutor entschied, daß der Jude wohl sein Haus verkaufen, jedoch keines von einem Nichtjuden dafür eintauschen dürfe und wenn er sein eigenes dem Christen verkauft habe, er es auch nicht mehr zurückkaufen dürfe. — Aehnliche Fälle könnte ich noch einige berichten. So wird neuester Zeit Ackerbau und Gewerbe unterstützt, damit man animirt werde, dem Handel zu entsagen! — Ueberblicken wir die Länder der civilisirten Welt, so müssen wir auch sagen: welcher Entwickelung wären wir Juden nicht erst fähig, wenn trotz zweitausendjährigen Druckes und Elendes, trotz gesetzlich bestimmter Verachtung und Demoralisation, und trotz systematisch uns beigebrachtcr Mißachtung unserer Institutionen und unserer Selbst, das jüdische Familienleben allen Nationen als glänzendes, nachahmungswürdiges Muster dienen könnte; die geistige Macht und daS Talent der Juden sich in allen Zweigen der Wis¬ *) Die doch seit vem Jahre 1848 gar nicht mehr bestehen! Corresp. senschaft und Kunst Geltung zu verschaffen wußten; der jüdische Kaufmann, Handwerker und Ackerbautreibende keinem andern nachstehen und industrielle Etablissements geschaffen wurden, auf welche der Staat mit Befriedigung sehen kann! — Mögen sie Alle, wer sie auch immer sind, versichert sein, wenn sie blos durch zwei Jahrhunderte solch endlosen Druck zu erleiden, solch unsägliche Entbehrungen zu erdulden hätten und alle staatlichen Bestimmungen darauf hinausgingen, sie an Körper und Geist verkümmern zu lassen— dabei aber ihr Glaube — sei er welcher immer — der freien, unbefangenen Besprechung, der zersetzenden, tiefeingehenden Kritik, der beleuchtenden, erörternden Discussion oder auch der böswilligen Satyre und dem sarkastischen Spotte, ohne Zwang in Wort und Schrift, unterläge, wie daS Judenthum, er sich wohl nirgends mehr als in der Geschichte vorfände und ihre Moralität und Geistesstufe wohl schwerlich zum Muster aufgestellt werden könnten. — Aus Oberungarn, I. 10. Januar. (Privatmitth.) Das bürgerliche Jahr ging zu Ende, ohne daß in unsrer politischen Stellung irgend welche Veränderung eingetreten wäre. Es ist eigenthümlich, daß alle jene Staaten, welche in neuerer Zeit die Verhältnisse der Juden durch besondere Judengesetze zu regeln suchten, aus dem Paragraphenwuste dieser Judengesetze nie und nimmer herauskamen, eben so wenig wie das Mittelalter aus den langen Artikeln seiner Judenordnungen. Was heute als abgeschlossen erschien, — stellte sich schon morgen als unpraktisch und unbrauchbar dar. Die eigenthümlichen Verhältnisse der Auönahms- und Sonderstellung wucherten bald lianenartig uns über den Kopf, so daß das ewige Modeln und Abändern kein Ende hatte. — Es wird wohl Jedermann in seiner Jugend die Münchhausiade des unglücklichen BarbierS gelesen haben, der mit dem Rasiren seiner Kunden nie und nimmer fertig werden konnte, weil auf der einen Wange der Bartwuchs emporwuchertc, während er mit dem Glattrasiren der andern Backe sich abmühte. Die Gesetzgebungen aller jener Staaten, welche gegenwärtig mit dem Niederreißen der Ausnahmsschranken den Juden gegenüber nur fein langsam und bedächtig Vorgehen, sind auch, wenn ich mich so aus» ö